Privatdetektiv Marlowe

“Ich stand da, den Hörer halb zwischen Ohr und Gabel. Dann legte ich ihn ganz langsam ab und blickte die Hand an, die ihn gehalten hatte. Sie war halb offen und stocksteif, als hätte ich den Hörer immer noch in der Hand.” S. 229. Was hat er nur gehört, fragt ihr? Marlowe, der hardboiled Privatdetektiv…

Schneeweiße Blüten

Während ich den Kurzgeschichtenband von Cho Nam-Joo gelesen habe, fiel mir öfters der Titel: “Erste Person Singular” von Murakamis Erzählband ein. Das könnte ein Genre sein: Kurzgeschichten aus der Ich-Perspektive erzählt, indem die Erzählperson den Lesenden so familiär ist, so nah auf sie zukommt, dass ihre Existenz  ihnen authentisch, ihre Geschichte glaubwürdig vorkommt. Doch die…

Brief an die Menschen

“Genau da kam ein gans junger Mänsch im Strammpel Alter vorbeigestrammpelt, si lechelte und dachte vleich, wir wären Hunde. Und in irer Hand fil uns was auf: Fressen! Schaute gut aus und roch super. Ein Brötschen! Und gans plözzlich wollten wir gern ein fären Dil mit ir abschlisen, demzufolge wir was von irem Brötschen abhaben…

Reise im Totenreich

Das Geheimnis von “Lincoln im Bardo” liegt einerseits in der visionären Darstellungform, andererseits im sprachlichen und literarischen Einfallsreichtum. Die Geschichte spielt, ähnlich wie in der “Göttlichen Komödie” von Dante, im Reich der Toten. Erzählerstimmen berichten über Bardo – die Zwischenwelt, wo sie sich gerade befinden (“Krankenkiste”), von dem Dasein noch nicht ganz befreit, das Jenseits…

Unterwegs im Iran

Eine Suche nach der Bedeutung persischer Wörter. Mona, die Erzählerin von „Sechzehn Wörter”, ist eine in Köln aufgewachsene Iranerin. Die Jetztzeit des Buches erzählt ihre Reise im Iran, wohin sie mit ihrer Mutter zur Beerdigung ihrer Maman-Bozorg fliegt. Im Iran ist sie aber nicht zum ersten Mal, sie hat hier früher als Journalistin gearbeitet. Wie…

Gute Erzählungen schreiben

Wie schreibe ich gute Erzählungen? Das lehrt uns George Saunders mithilfe Meisterwerke von Tschechow, Turgenjew, Tolstoi und Gogol, indem er diese Perlen der russischen Literatur als Beispiele nimmt, um zu zeigen, es ist nicht einfach das Genie, das diese Werke zu so bewundernswerten Lektüren macht, sondern unter anderen Perspektive, Methode, Wissen, Erfahrung und Übung. Lesen…

Bei Nacht

Der Schriftstellerin wurde das Angebot gemacht, in der Punte della Dogana zu schlafen, dem legendären venezianischen Baudenkmal. Ich verstehe diejenigen, die bei solchem Angebot aufseufzen würden: „Ah, das ist traumhaft!“ Was für ein Abenteuer wäre das auch für mich. So konnte ich dem Gedankengang der Autorin am Anfang kaum folgen, emotionell war ihre Ambivalenz für…

Tyll tanzt

Episoden aus dem Dreißigjährigen Krieg. Durch das ganze Buch bedecken die Figuren ihre Nasen mit Tüchern, weil der Geruch der Leichen unerträglich ist, es wird wild hingerichtet, gefoltert, getötet. Fast könnte man sagen, es wird mit den Köpfen von Säuglingen geballt. Und immer wieder erscheint die Hauptfigur des Buches Tyll Ulenspiegel, der mythische Gaukler, der…

Sommer

Auch mit dem Band des Jahreszeitenquartetts Sommer konnte mich Ali Smith zum Schluss verführen. Das Buch packte mich nicht sofort. Ich konnte beim Lesen die Kulissen nicht vor mir sehen. Einige Szenen wurden nur auf Dialogen aufgebaut, ohne Beschreibung der Umgebung. Es gibt keinen Hinweis darauf, wie die Figuren aussehen. Das ist doch schön, nur…

Ingeborg Bachmann: Die Zeitgenössin

„Was auch geschieht: die verheerte Weltsinkt in die Dämmerung zurück,einen Schlaftrunk halten ihr die Wälder bereit,und vom Turm, den der Wächter verließ,blicken ruhig und stet die Augen der Eule herab. Was auch geschieht: du weißt deine Zeit,mein Vogel, nimmst deinen Schleierund fliegst durch den Nebel zu mir. Wir äugen im Dunstkreis, den das Gelichter bewohnt.Du…