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Ohne Titel

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Literaturmarathon

Im Funkhaus des WDR in Köln findet jedes Jahr im März eine spannende Vorlesung statt, der Literaturmarathon. Wohl bekannte „Stimmen“ lesen Ausschnitte aus 100 Büchern, die die Hörerinnen und Hörer vorgeschlagen haben. Die Veranstaltung fängt am Freitag (diesmal den 9.3) um 22 Uhr an, zieht sich durch die Nacht, läuft am Morgen und am ganzen Samstag fort, und endet um 22 Uhr.

Wer gerne Buchtipps erhält, Hörspiele und Vorlesungen mag, wie ich, empfindet leicht Begeisterung für die Idee. Ihnen kann ich der Literaturmarathon ans Herz legen. Die 100 Bücher bilden eine schöne Auslese aus Klassikern, Neuerscheinungen, Jugendbüchern, Zeitgeschehen und Satiren. Der Literaturmarathon ist bunt: Die Vorlesungen werden moderiert, zu jedem Buch gestaltet ein Illustrator live eine Zeichnung, die während der Veranstaltung ausgestellt wird, und nach jedem Textausschnitt spielt eine Musikband.

Die 24-stündige Vorlesung des WDR5 ist sehr beliebt, letztes Jahr kam ich im Funkhaus gegen 6 Uhr morgens an, und konnte in dieser Weise ohne Schlange stehen zu müssen Platz nehmen im Sendesaal. Ab 7 Uhr war es nicht mehr möglich. (So früh, um im Sendesaal sitzen zu können? Ja, es hat räumlich, akustisch, beleuchtungstechnisch, menschlich eine besonders freundliche Atmosphäre). Wer das  in der Schlange Stehen in Kauf nimmt, kann zum beliebigen Zeitpunkt eintreffen. Man kann dann in die ausgewählten Bücher blättern, sie kaufen. Man kann den Vorlesungen auf einer Leinwand im Foyer des Funkhauses folgen, dabei mit Freunden quatschen und Kaffee trinken. Oder man kann von zu Hause beim WDR5 hinhören, oder im Internet hinschauen. Das Thema ist in diesem Jahr der Neubeginn.

So war der Literaturmarathon 2017: www1.wdr.de/radio/wdr5/veranstaltungen/literaturmarathon/uebersicht-literaturmarathon-siebzehn-100.html

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Eine Illustration von früher.

Ausflug im winterlichen Bergischen Land

Die Rundwanderung startet und endet in der Nähe Scheel, beim Ort Eibach. Der Weg von Eibach führt zunächst in der Richtung Steinberg, dann geht er neben der bewaldeten Bergkuppe, dem Wiedig vorbei.

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Nach dem Verlassen von Grünewald kehrt die Route nach Dürhölzen, später nach Gimborn, zum Schluss führt sie zum Ausgangspunkt zurück.

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Auf dem Wanderweg befinden sich zwei Burgen: gleich beim Start die Burgruine Eibach mitten in einem kleinen See, neben einem Bauernhof.

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Und nicht weit entfernt das Schloss Gimborn, bei dem vorbeigehend sich die Wanderung seinem Ende nähert.

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Die stille winterliche Landschaft ist in diesem Februar auf großen Ebenen mit unberührtem Schnee bedeckt.

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Unsichtbare Ausstellung

Ich war mit meiner Tochter in einer unsichtbaren Ausstellung. Wir erwarteten eine Ausstellung, die man nicht sieht, und erlebten beinahe, wie es sich anfühlt, blind zu sein. Natürlich ist eine Ausstellung nur eine sehr verschonte Version von einem Leben mit Behinderung. Wir wurden nicht ganz auf uns verlassen. Durch die vollständig lichtlosen Räume der Ausstellung wurde unsere kleine Besuchergruppe von einer blinden Mitarbeiterin geführt. Wir sahen sie ebenso nicht, wie sie uns.

Da die Räume klein waren, und wir nichts sahen, mussten wir immer auch auf einander achten. Wir gerieten in Alltagssituationen: in eine eingerichtete Wohnung mit Küche und Schlafzimmer, in einen Gemüseladen, auf eine Straße, wo Autos und Fahrräder parkten. Zum Glück mussten wir nicht über die Straße gehen. Selbst die sicheren Wände zu verlassen und aus einer Ecke hinaus zwei Schritte in die Mitte eines Zimmers zu wagen schien es schwierig zu sein. Nicht nur die Wände wurden unsere Bezugspunkten, sondern die Stimmen und die Hände. Aus den wildfremden Menschen zeichneten sich erkennbare Stimmen, unsichtbare Gesten und viele verschiedene Eigenschaften aus, überdies Wärme, Offenheit, Freundlichkeit, mit denen wir noch kein Gesicht und kein Alter verbinden konnten. Ich „betrachtete“ meine Tochter ruhig, sie verhielt sich reif und selbstständig. Die Führerin erzählte uns, dass sie Familie und Kinder hat, und zwar ihr Mann auch blind ist, sie meistern ihr Leben. Einzig allein werden sie nie malen können, sonst fast alles. Sie erzählte auch, dass manche Menschen ihre Verantwortlichkeit in Frage stellen.

Auch deshalb sind ähnliche Ausstellungen so wichtig: nicht nur ihre „Sichtweise“ zu erleben, sondern auch unsere Hindernisse, oder Stärke. Das Wort, das meine Tochter mit der Brailleschrift aufschrieb, war: Danke. Ich kann das Glück nicht leugnen, aus dem Ausstellungsraum herauskommend das Licht zu erblicken.

Draußen begrüßt man nochmal die Mitmenschen, jetzt erkennt man sie von Gesichtern. Dann springt man aus dem Weg des Menschen, der sich gerade mit einem langen weißen Stock vor sich tastend eilt, fast rennt – vermutlich zu seinem Arbeitsplatz. Diese Ausstellung arbeitet später noch lange in einem.

Wir nahmen an der Ausstellung „Invisible Exhibition“ (http://invisibleexhibition.com/) teil, die in drei Städten zu „sehen“ ist, doch es gibt die Möglichkeit eine ähnliche Ausstellung, „The Dialogue in the Dark“ http://www.dialogue-in-the-dark.com/) in Frankfurt, in Hamburg, in Wien, insgesamt in 21 Länder der Welt zu besuchen.

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Braille Grußkarte

Verdienen wir unseren Schicksal?

Neulich begegnet mich das Wort „verdienen“ immer wieder, im Sinne, dass Menschen eben das zugeteilt wird, was sie verdienen. Als ob die Schicksale gerecht ausgeteilt wären, oder die Menschen mit einander gerecht umgingen. Ich begehe diesen Fehler selbst, ich benutze ab und zu das Wort solcherweise. Daran muss ich ändern. Wenn ich nämlich mit Menschen so umgehen wollte, wie sie es (meiner Meinung nach) verdienen, dann musste ich die Menschen beurteilen. Obwohl, es reichte aus, die Situation zu beurteilen, in der ich bin, um richtig zu handeln. Ich erhalte etwas, und ich gebe dafür etwas? Es drückt aus, dass sich im Handeln ein Handel versteckt.

Wenn einige Menschen in meinem Leben mehr bedeuten, als die anderen, dann hat da eine Geben-Nehmen Logik nichts zu suchen. Die Menschen, von denen ich mehr erhielt, als ich geben konnte, sagten mir, ich bräuchte nicht dankbar sein, sondern etwas anderen Menschen geben, die mir dafür nicht danken können.

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Am Rhein in Januar 2018

 

Mann und Frau

Seitdem sie in Urlaub sind, schmeckt dem Ehemann der Kaffee nicht. Auch heute macht er den Kaffee so wie zu Hause, aber es schmeckt ihm nicht. Er trinkt gerade den Kaffee unzufrieden und nachdenklich. Anschließend sagt zu seiner Frau: „Vielleicht füllst du zu viel Kaffeepulver in die Kaffeemaschine.“ „Aber du hast den Kaffee gemacht“, antwortet die Frau. Der Mann grinst verärgert, wie jemand, der nicht verstanden wird.

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Ich wünsche Euch ein lustiges Wochenende!

Auch die Sätze verlassen uns

Ich las ein Gespräch mit einem Autorenehepaar. Sie behaupteten, wenn ihre Kinder groß werden und weggehen, verbleiben ihnen lediglich die Sätze, die sie geschrieben haben. Somit die Muttersprache. Im Laufe der Zeit verlasse und verliere man wichtige Menschen und wertvolle Sachen, und man werde immer von allen verlassen. Das ist ihr Grunderlebnis. Wie wahr. Mir schien nur die Vorstellung komisch zu sein, dass einem nur die Sätze verblieben, da man Autor ist. Es gibt keine Garantie, dass diese Sätze immer gelesen werden. Und hier und jetzt kann man mit der Muttersprache ganz ruhig sitzen bleiben, wenn diese von einer kleinen Gemeinschaft gesprochen wird, und niemand sonst auf der Welt diese Sprache und deshalb diese Sätze so nachvollziehen kann, wie die Muttersprachler, sondern alle in den Sätzen in erster Linie ihre eigene Sprache und ihre Kultur lesen. Gewiss schützt und pflegt man seine Muttersprache je kleiner, desto mehr. Gewiss will man von der Muttersprache nicht verlassen werden. Doch die Sätze fliegen, meiner Meinung nach, ebenso aus, wie die Kinder. Sie werden manchmal zum Beispiel ungültig und pathetisch.

Emile V. Schlesser: Soap Opera, Kunstakademie Rundgang 2018