Weintraube

Schatten und Lichter.

Traube
Zeichnerkohle, Papier

 

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Leichtigkeit

So leicht ist mein Herz. Ich könnte alle meine Freunde umarmen. Die Leichtigkeit eines Urlaubs. Vielleicht das Sommerwetter tut das. Alles ist ruhig, ich fühle mich frei. Ob das stimmt?

k20

Sarah Morris: Hornet


Hornisse, 180 Quadratmeter großes Wandbild an der nördlichen Abschlusswand des Paul-Klee-Platzes, hinter dem Gebäude der Kunstsammlung K20, Düsseldorf

 

Unterwegs

Am Samstag spielte der aus Missouri stammende, in Europa lebende Songwriter Ian Fisher in The Tube, Düsseldorf. Mit meiner Freundin sahen wir ihn und seine Band jetzt zum zweiten Mal. Wir sind einverstanden, Ian Fisher muss man live erleben, er sei so ein authentischer Songwriter (of the old school).

Seine melodische Musik, die uns sehr anspricht, wird als Indie, Country, Volk bezeichnet. Es besteht ein wenig 70-er Jahre Stimmung, mich erinnert diese Musik auch an die True Stories von Talking Heads. Beim Konzert fühlte ich mich gleich in die Musik eingesaugt. Sie übermittelt zwar intensive Emotionen, doch mit viel Leichtigkeit. Ian Fisher spielt die Gitarre, außerdem wie ein Instrument spielt (moduliert) er seine Stimme, doch ohne Anstrengung, so zart und selbstverständlich, dass er einfach authentisch und gelassen wirkt. Hinzu kommt, dass er und die Band sich auf der Bühne sehr professionell verhalten, und den freundlichen Kontakt mit dem Publikum in dem kleinen Konzertraum, wo Musiker und Publikum sich in der Körpernähe von einander befinden, von den ersten Minuten an herstellen.

Ian Fischer‘s zu Hause sei unterwegs zu sein, erfahre ich von seiner Internetseite. Er ist auch jetzt auf der Tour: Im Oktober gibt er Konzerte in Burgfelden, in Frankfurt, Stuttgart, Dachau, Wien, Dornbirn, Winterthur, St. Gallen, Ruswil. Schaut euch mal an, ob er vielleicht auch bei euch spielt. (Werbung aus Begeisterung.)

 



 

Die Welt als Fließen des Sandes

Kobo Abe: Die Frau in den Dünen, Unionsverlag 2018 [1962] die deutsche Erstausgabe: 1967, aus dem Japanischen von Oscar Benl und Mieko Osaki, mit einem Nachwort von Irmela Hijiya-Kirschnereit ISBN-13: 978-3-293-20809-4

Kobo Abe (1924-1993) war Poet, Dramatiker, Essayist, Theoretiker, der die moderne japanische Literatur stark prägte. Sein Meisterwerk, ein Klassiker der Weltliteratur, „Die Frau in den Dünen“ fängt in einer heiteren Stimmung an. Der Erzähler nimmt eine ironische Distanz zu seinem Protagonisten auf.

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Ein Insektensammler begibt sich auf den Ausflug zu den Sanddünen beim Meer, denn im Sand sind die für ihn interessantesten Insekten. Seine Unterkunft wird eine tiefe Mulde im Sand. In diesem Sandloch schaufelt eine Frau ganz still den rinnenden Sand, damit dieser ihr Haus nicht zerstört. Als der fremde Mann nach Hause gehen möchte, stellt er fest, dass er gefangen worden ist. Er findet das Leben im Sand servil und obszön, doch seine Versuche, von hier zu fliehen, sind vergeblich. Das Überleben in dieser Umwelt bedingt seine Arbeit. Er muss bis zur Erschöpfung den Sand schaufeln.

Der Mann ist offensichtlich in einer aussichtslosen Lage. Es sollte freilich immer einen Fluchtweg geben, der Mensch sollte auf jeden Fall den Ausweg suchen. Es sollte immer einen Grund geben, um nicht aufzugeben, um nochmal zu probieren. Und der Mann gibt es auch nicht auf. Doch jeder Versuch macht ihn aussichtsloser und machtloser. Seine Geschichte ist eine Parabel: Egal, wie sehr der Mensch kämpft, die Zahnräder drehen sich knirschend weiter. Es ist ein Prozess des Sich-Selbst-Aufgebens, Selbstvergessens, der Abrechnung mit den Illusionen. Ein Prozess, in dem man einer Situation der Leere, der Zentrumslosigkeit, der Bodenlosigkeit ins Auge sieht.

So wie es im Sand keinen festen Boden gibt, keinen Punkt, an dem man sich festhalten kann, keinen Bezugspunkt, der bleibt, der fest steht, so besteht keine Möglichkeit, um angewurzelt zu sein, eine Identität und eine Heimat zu beanspruchen. Es ist absurd über die Heimat zu sprechen. Doch im Dorf wird das ganze Verbrechen (Menschen in Löchern gefangen halten und zur Arbeit zwingen) eben im Interesse der Heimat begangen. Die erniedrigende Arbeit und die unwürdige Situation entsteht eben wegen des Zwangs, dass das Dorf als Lebensraum trotz fehlender Lebensbedingungen gerettet werden muss. (Zwangsarbeit war in diesen Jahren keine Fantasie-Geschichte, es gab zur Zeit des Entstehens des Romans Zwangsarbeitslager, zum Beispiel in der Sowjetunion – Solschenizyn: Der Archipel Gulag, im Ostblock, aber vermutlich auch in Japan → wiki: Zwangsarbeit)

Ohne Illusionen lebt man wie ein Tier. Der Protagonist des Romans, der von den Menschen emotionell distanzierte, verfremdende Insektensammler, der 30 Jahre alter Lehrer, der niemanden hat, der ihn suchen würde, niemanden, der ihm wichtig wäre, empfindet das Leben im Sand wie das eines Tieres in einem Käfig, auf Grundinstinkte reduziert. Was soll aus der Liebe unter diesen Umständen sein? Auch darüber denkt der Protagonist sogar über seine Geschichte im Sand hinaus mit bitteren Folgerungen, die aber nirgendwohin führen, nach. Hier wird der Erzählstil höchst metaphorisch, deshalb macht sich diese Passage des Romans auf faszinierende Weise selbstständig. Zum Beispiel:

„Wir sollten lieber unsere Sexualität jeden Morgen frisch aufbügeln wie einen Anzug. Auch wenn wir ihn nur einmal getragen haben, ist er alt. Bügeln wir jedoch seine Falten aus, ist er sofort wieder neu. Allerdings wird er wieder alt…“ S. 131

Der Erzähler der Geschichte distanziert sich zwar von seinem Protagonisten, doch folgt sehr treu seinen Gedanken. Während der Erzähler die Geschichte ironisch und heiter anfängt, hält er die Stimmung später immer mehr düster, um dann das Ende möglichst offen zu lassen. Den Lesern bleiben viele Fragen unbeantwortet.

Die Frau in den Dünen“ ist jedoch ein Roman, der schon auf den ersten Seiten wichtige Informationen offenbart, deren Wichtigkeit man aber nach dem Lesen der ganzen Geschichte erkennt. Vieles, was nach dem ersten Lesen nicht nachvollziehbar sind und Fragen aufwerfen, erhalten am Anfang des Buches eine Erklärung. Der Protagonist, der Insektensammler interessiert sich von Anfang an für den Sand, hat schon viel über ihn gelesen. So erfahren wir Leser durch sein Grübeln viel über die Eigenschaften des Sandes.

Die Unfruchtbarkeit des Sandes rührte also nicht nur, wie gewöhnlich geglaubt wird, von seiner Trockenheit her, sondern offensichtlich auch daher, dass er sich dauernd bewegte, wodurch er zum Feind alles Lebendigen wurde. Was für ein großer Unterschied besteht doch zwischen der Welt des Sandes und der trostlosen Art, in der wir Menschen uns Jahr um Jahr aneinanderklammern.

Gewiss, im Sand gedeiht kein Leben, aber gehört denn das Haften unbedingt zum Leben? Entsteht nicht gerade daraus, dass man unbedingt irgendwo haften will, der Kampf ums Dasein? Verzichte man auf das Haftenwollen und überließe sich der Bewegung des Sandes, dann hätte dieser Kampf augenblicklich ein Ende.“ S. 17

So scheint es dem Erzähler, dass der Mann selbst sich der Bewegung des Sandes überließe:

„Während er über die Auswirkungen des fließenden Sandes nachgrübelte, verfiel er von Zeit zu Zeit der Illusion, dass er selbst in dieses Fließen einbezogen sei.“ S. 17

Wobei schon das Motto des Buches besagt:

„Wo keine Strafe droht, fehlt auch an der Lust zu fliehen.“

So erscheint mir das Buch auch als Warnung, die auf eine bedrohliche Situation hinweist, die wir nicht als bedrohlich wahrnehmen. Und mir erscheint dieses „Aneinaderklammern“ der Menschen als ein wichtiger Hinweis, der zwar ironisch dargestellt ist, doch der einzig menschliche Ausweg ist.

Die Frau in den Dünen“ ist ein Prachtwerk, das in diesem September auf Deutsch wieder erschien. Ein sehr lesenswertes Buch, um nachzudenken, nachzublättern, Passage neu zu lesen.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Auf der Internetseite des übrigens unabhängigen Verlags befinden sich Informationen über den Autor und Links zu einem Hörspielausschnitt und zu einem Filmtrailer.

Der hinkende Jonathan

In unserer Art zu reden zeigen sich unsere Eigenheiten. Unsere Sprache gehört zu uns wie unser Blick und unser Gang.“ James Krüss: Mein Urgroßvater und ich S. 27

Mein Sohn war krank vor einer Woche, hohes Fieber befiel ihn. Als es ihm schon ein wenig besser ging, begann ich ihm das Buch Mein Urgroßvater und ich von James Krüss vorzulesen. Das Timm Thaler las er schon. Ich las allerdings nur die erste Geschichte über den hinkenden, stotternden Jonathan vor, denn er las dann das Buch schon selber weiter.

In dieser Geschichte rettet der schüchterne Hummerfischer aus Helgoland eine Frau aus dem Meer. Demnächst stellt sich heraus, dass die Schiffbrüchige ebenso stottert und hinkt, wie er — als Folge des Schiffbruchs. Ihr gelingt es aber sich dem Stottern und dem Hinken allmählich zu entwöhnen. Und dann auch dem Hummerfischer gelingt es, Jonathan, der sie immer begleitet.

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Ich versuche dieses Buch schon zumindest drittes Mal vorzulesen. Viel weiter komme ich nicht, als die erste Geschichte (*stolz). Wahrscheinlich schmücke ich diese noch mit Familiengeschichten aus, statt sie vorzulesen, denn sie rührt mich immer wieder sehr. Sie gibt mir die Hoffnung, dass wir unsere Sprache und unser Benehmen formen und entwickeln können, und all unsere Stottern und Hinken im Leben nur Gewohnheiten sind.

James Krüss: Mein Urgroßvater und ich, Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 2009 (1959)

 

Affinität

Christine Mangan: Nacht über Tanger, Random House Audio 2018, aus dem Amerikanischen von Irene Eisenhut. Hörbuch, 8 CDs, Laufzeit: ca. 9h 54 Min, Originalverlag: Blessing HC, ISBN: 978-3-8371-4312-6

Christine Mangan (1982) lebt in Brooklyn, New York. „Nacht über Tanger“ ist ihr erster Roman. Dieser stellt eine besondere Freundschaft dar und auch den Beginn einer Änderung in der gesellschaftlichen Frauenrolle, die aufkeimende Emanzipation in den 50-ern, mit ihren Hindernissen. Zudem Tanger, die für die westlichen Menschen unbekannte, exotische Stadt, die sich auch im Zustand der Veränderung befindet.

Zwischen Prolog und Epilog sprechen abwechselnd zwei Ich-Erzählerinnen, Alice und Lucy, eine nach der anderen. Sie erzählen nicht direkt eine Geschichte, sondern sie erzählen ihre Gedanken und Gefühlen, und dadurch auch Ereignisse sowohl aus der Gegenwart wie auch aus der Vergangenheit. Diese Ereignisse haben Einfluss auf ihre Gefühle und Gedanken. Alice und Lucy analysieren, deuten auch die Worte, die Geste von einander und von den anderen Menschen in ihrer Umwelt. Da Alice ihrem Verstand nicht traut, kann sich selber und uns Lesern auch kein zuverlässiges und ganzes Bild bieten. Lucy ist sich sicher, doch ebenso wenig zuverlässig, wie Alice, denn sie gesteht sehr ehrlich, dass sie oft nicht diejenigen Gefühle zeigt, die sie spürt, und versucht ihr Gegenüber zu täuschen.

Wir haben auf diese Weise Einblicke in eine Geschichte aus zwei Perspektiven, die so tief und gründlich in das Bewusstsein der zwei Protagonisten graben, dass es schon nervt. Alice und Lucy sprechen ständig geheimnisvoll, sie verschweigen – ärgerlicherweise – die wichtigsten Informationen, die um einen allgemeinen Überblick zu schaffen nötig wären, und noch dazu sind sie über die Wirklichkeit unsicher.

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Die zwei Erzählerinnen drücken ihre Gefühle und Gedanken sehr ehrlich aus, doch als Protagonisten der Geschichte täuschen sie einander, und je mehr wir erfahren, desto besser merken wir, dass sie doppelzüngig sind.

Ich glaube, dies ist ein genialer und spannender Erzählstil, der jedoch, wie gesagt, nervt. Dafür ist der Roman voller Andeutungen, die unerklärlich bleiben, voller Unsicherheiten, die mich zum Nachdenken treiben, sonst hat das Weiterlesen keinen Sinn. Allerdings ist die Geschichte ein Psychothriller, wie von Hitchcock, eben deshalb zum Schluss klar und nachvollziehbar.

Was alles auf eine herausfordernde Weise durcheinander bringt, ist der Erzählstil. Dabei ist es wichtig, die Neugierde der Leser und die Spannung aufrecht zu erhalten. Deshalb erwähne auch ich möglichst wenig aus der Geschichte, bloß einige Konflikte. Alice und Lucy sind zwei einsame Waisenkinder, die einander Freundschaft schenken, doch diese Freundschaft wird zu etwas Besonderem.

Lucy:Affinität. Ich hatte den Begriff in meinem Wörterbuch nachgesehen während meines ersten Jahres am Bennington College – jener außergewöhnlichen kleinen Ansammlung von Gebäuden, die zumindest schien es so, versteckt im Herzen von Vermont lag, in den Green Mountains. Eine spontane oder natürliche Vorliebe oder Zuneigung für etwas zu verspüren. Eine Gemeinsamkeit von Eigenschaften, die eine Beziehung andeuten.“

Nachdem Lucy Alice kennenlernt, stoßt sie auf dieses Wort, das ihr die gegenseitige Sympathie und die sich schnell aufbauende Beziehung erklärt. Eine Beziehung über sinnvolle Erklärung hinaus. Aus ihrer Perspektive ist Alice ein Mädchen, dessen gewohnt ist, beobachtet zu werden, sich präsentieren zu müssen. Ein Mädchen, das sich dezent verhält, und trotzdem auffällt. Es könnte auch ein Idyll sein, doch alles ändert sich allmählich.

Nach einer schrecklichen und traumatischen Nacht kehrt Alice nach London zurück, heiratet einen fremden Mann, dem sie nach Tanger folgt. In der Echtzeit des Romans sind wir in Tanger. Alice kann sich von ihren schlechten Geistern aus der Vergangenheit auch durch die geografische Entfernung nicht befreien. Dann taucht verhängnisvoll auch Lucy in ihrem Leben wieder auf.

Nicht, dass Lucy bedrohlich wirkt. Sie ist eine emanzipierte, unabhängige Frau, die sich ihrer Umwelt, so auch Tanger, vollständig anpassen kann. Sie bietet uns Lesern ein detailliertes, schönes und differenziertes Bild über Tanger. Sie mag in Tanger die Lebendigkeit, die Vergangenheit, die Vielfältigkeit der Stadt, die sich entdecken lässt. Lucy hat Zugänge zu Tanger, Alice keine, sie scheint nur ihre Innenwelt voller Ängste und Schuldgefühl zu haben.

Lucy ist für Alice in Tanger: gleichzeitig vertraut und fremd. Alice würde sie am liebsten anschreien und wegschicken, stattdessen lädt sie sie ein. Lucy sieht Alice in Tanger kritisch, argwöhnisch, neugierig, beobachtend. Doch auch Alice beobachtet Lucy unbarmherzig. Und sie spürt auch ein Begehren, um so zu sein, wie sie ist.

Streit und Ärger in einer Freundschaft, und die kleinen Episoden, die auf Eifersucht, Neid, Begehren deuten, sind doch normal. Das, was so richtig krankhaft erscheint, ist Alice‘s Angst, Hilflosigkeit, Machtlosigkeit, indem sie keinen Ausweg findet und lahm ist. Doch der Leser weiß, dass er diesem Schein nicht trauen darf.

Den Roman als Hörbuch zu hören (lesen), fand ich vorteilhaft, indem die Kapitel des Buches nach den zwei Erzählern von zwei Schauspielerinnen vorgelesen wurden. So konnte ich die zwei Erzählerinnen für mich auseinanderhalten. Denn sie, Alice und Lucy, in der Mitte des Buches, bei der Selbstanalyse einen Zustand der Freundschaft erreichen, dass sie sich selber gleich vorkommen. Und trotz ihrer verschiedenen Persönlichkeiten, erscheinen ihre Erzählungen sprachlich gleich. Beide haben die gleiche analytische, feinfühlige, reiche Sprache. Ihre Hörbuch-Stimmen aber, Bibiana Berglau und Friederike Kempter, drücken ihre psychischen Zustände und ihre Persönlichkeiten ständig aus.

Eine Hörprobe findet ihr hier. Eine Leseprobe und weitere Informationen über den Autor sind auf der Internetseite des Buches bei dem Verlag zu finden. Ich danke dem Verlag für den Zugriff zum Hörbuch.