Triller- und trostloser Trauergesang

Esther Kinskys „Hain“ beschreibt detailreich die italienische Winterlandschaft, wo Olivenhaine, Baumgruppen, Ackerfelder, Märkte, Friedhöfe hauptsächliche, zwar ungewöhnliche Sehenswürdigkeiten bilden. Dabei bieten ein Paar Perlen der italienischen Kunst und Literatur Bezüge zum Thema der Trauer.

Der Roman besteht aus drei Teilen, wie das Trauerbild von Fra Angelico, das im Abschluss des Romans unter dem Titel „Lamentatio“ besprochen wird. Der erste Teil von „Hain“ schildert die Reise nach Olevano, einem kleinen Ort nördlich von Rom, nach dem Tod des Gefährten der Ich-Erzählerin. Eine Reise, die die stumme Abwesenheit eines Menschen ganz durch die Natur und die Gefühle der Hinterbliebenen ausdrückt. Der zweite Teil stellt durch frühere Italien-Reisen der Familie den Vater der Erzählerin herzerwärmend vor, der dritte Teil führt in die Landschaft im Delta des Po, wo Erinnerungen und Betrachtungen über Menschen, Tiere und Pflanzen zusammenfinden.

Der Geländeroman ruft Stimmungen, Empfindungen hervor, lässt Kälte, Düfte und Klänge spüren, zeigt den Anblick der Landschaft plastisch. Auch Menschen tauchen auf, die allerdings, wie die Erzählerin, in dieser Umwelt fremd sind. Es entsteht aber keine Verbindung und keine Geschichte, denn die Erzählerin sucht nicht die Gesellschaft der Lebenden, sondern sie nimmt sich Zeit, um mit akribischen Beobachtungen die winterliche Umwelt samt Menschen zu beschreiben. Es ist ruhig, langsam, kalt, es ist schön und sehr metaphorisch.

„Aus den Olivenhainen unterhalb von Olevano und weiter fort, Richtung Palestrina, stieg Rauch. Unermüdlich verbrannten die Bauern die abgeschnittenen Olivenzweige und das befallene Laub. Gelegentlich brach ein schmaler, blendender Lichtstrahl aus einer der gelblichen Adern am bewölkten Himmel und fiel schräg wie ein Fingerzeig auf eine der Rauchsäulen, als sei diese ein Opfer, das von höherer Hand erwählt war.“ S. 27.

In der bildenden Kunst symbolisieren die Jahreszeiten den Kreislauf der Natur, das Werden, das Vergehen, den Tod und das Auferstehen. So suchen auch hier in diesem Roman die poetischen Bildaufnahmen den Ort der Toten mitten in den Orten der Lebendigen und außerhalb ihres Lebens.

„Die Platanen mit ihren Resten von starrem Laub, dem alle Farbe abhandengekommen war, standen reglos gegen den kalten blauen Himmel. Aus einiger Entfernung hörte ich einen Trauerschnäpper kurz rufen, trillerlos, nur diese Folge von Doppellauten, die sich für mich immer anhörten, als wollte die Kehle den ausgestoßenen Ruf mit der zweiten Silbe wieder rückgängig machen und verschlucken. (…) Ich konnte den Vogel nirgends entdecken, sicher saß er geschützt in einem Sonnenstreifen zwischen letzten Blättern, die in ihrer Januardürre noch auf Sturm warteten, um abzufallen. In den schattigen Bereichen des Friedhofs überzog Raureif die Erde, das Gras und das welke Laub.“ S. 205

Die raue Schönheit und die ungeheure Ausdrucksfähigkeit der Winterlandschaft bevölkern den erzählerischen Raum, ohne Trost zu bieten. Es geht viel mehr darum, die Trauer mit schöpferischer Kraft zu Worten und Sätzen zu formen. „Hain“ verspricht uns keinen Trost, keine Erneuerung, keine Hoffnung, sondern sie erzählt ein „Gelände“ der Trauer, zu dem die Einsamkeit der Fremden, die Hilflosigkeit der Hinterbliebenen, die unendliche Suche nach Verlorenen gehört.

„Das Gelände lag roh im Tageslicht und trostlos bei Nacht, vielleicht sogar untröstlich über seine völlige Untauglichkeit – weder zur Landschaft noch zum Obdach wollte es sich eignen.“ S. 41

Esther Kinsky: Hain, Geländeroman Suhrkamp 2018, mehr (zum Beispiel Leseprobe) auf dem Homepage des Verlags

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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