Rohdiamanten, Liebe und Verrat

Der sympathische Herr mit vornehmen Manieren, Adam Foole, schifft sich 1885 nach London. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich William Pinkerton, Privatdetektiv aus Chicago, schon seit 6 Wochen in dieser von Nebel erfüllten Stadt, schnüffelt auf schmutzigen Straßen und vor von Ruß beschmierten Fassaden ihrer verrufenen Viertel – nach einem gespenstischen Gegner seines Vaters und nach dessen Komplizin. In der verwickelten Geschichte werden Dieb und Detektiv durch die Suche nach der schönen und pfiffigen Diebin, Charlotte Reckitt, verbunden.

Als Adam Foole in London landet, ist alles nun Vergangenheit: Die Leiche der Frau wird in der Themse aufgefunden. Adam und William, zwar auf unterschiedlichen Wegen, stöbern im geheimnisvollen Labyrinth der viktorianischen Unterwelt nach den Spuren der Frau durch, doch erst einmal wühlen sie in verwirrenden Aussagen von vertrauten Personen und in den eigenen Erinnerungen, die ihnen verschwommen und mysteriös vorkommen. Der Erzähler zeigt die Perspektiven beider Protagonisten abwechselnd, er springt zwischen verschiedenen Zeitebenen, schildert Spionage, Gefangenschaft und Drangsal während des Bürgerkriegs in Amerika, oder Diamantenraub in Port Elisabeth 1875. Er gibt allerdings Erklärungen und hintergründige Zusammenhänge engherzig peu à peu her, denn er beschreibt zwischendurch das Milieu, die Kulissen sehr genau. Die Dialogen sind großzügig (und witzig) ausgeführt. Der Roman ist daher sehr fesselnd, nach den ersten 250 Seiten bis zum Ende allmählich nur spannender, und es ist ein dickes Buch. Sehr genussvolle Lektüre für diejenigen, die während der Feiertage eine bequeme Leseecke finden.

„Die Frau in der Themse“ erinnert mich ein wenig an den Abenteuerroman „Der Graf von Monte Christo“, indem es ein vollständiges und gefühlerfülltes Tableau darstellt. Doch der Roman ist kein maßgeschneidertes Werk nach einem erfolgreichen Schema. Ich mag zum Beispiel beide Hauptfiguren sehr: sie sind zielstrebig und hartnäckig, doch ausgezeichnet werden sie sowohl durch ihre vielen Schwächen wie auch durch ihre Stärken. Und sie kämpfen zwar gegeneinander, doch in Wirklichkeit viel mehr mit den Geistern der Vergangenheit. Der kanadischer Autor, Steven Price schrieb einen Krimi, doch er verlebendigte auch Geschichte. William und sein Vater, Allan Pinkerton, der sich als mächtiger Begründer der ersten amerikanischen Privatdetektiv-Agentur etabliert hat, sind historische Figuren, und auch Adam Foole hat ein historisches Vorbild, der berühmte Ganoven, Adam Worth.

Steven Price: Die Frau in der Themse, aus dem englischen von Anna-Nina Kroll und Lisa Kögeböhn, Diogenes Verlag, 2019 [2016]

Danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Verlag und Leseprobe.

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