Winterlektüren

Es schneit nicht. Reif bildet sich auf Grashalmen und Laub, und beim Spaziergang täuscht der weiße Nebel. Die Sonne kriecht nur selten zwischen den Wolken hervor. Doch auch das ist eine schöne Zeit, um in der Nähe des Kamins einen bequemen Platz zu suchen und zu lesen.

„In einigen Nadelbäumen entdeckte ich dabei weißliche Knäuel in hochgelegenen Astgabeln und Verzweigungen, helle Gespinste, sich leicht nach oben verjüngende Schleiertrommeln, Kokons aus Wolkenresten, in denen womöglich seltene Schmetterlinge heranreiften, die im Sommer schlüpfen würden, um in werweißwelchen Farben ihre Flügel auszubreiten und sich unmerklich zitternd auf den fornetti niederzulassen, neben den einigen Lampen, deren Schein sich dann im grellen Sonnenlicht auflöste.“ Esther Kinsky: Hain S. 29.

Spiegelung beim winterlichen Abendrot
Louisa May Alcott: Little Women

Am Ende Januar kommt ein Literaturklassiker verfilmt in die deutschen Kinos: „Little Women“ (Regie: Greta Gerwig), eine Geschichte von Louisa May Alcott. „Little Women“ ist ein „comming-of-age“ Roman und eine Art „Pride and Prejudice“, das heißt, das Buch ist für das Publikum im Medienzeitalter wieder hoch interessant und aktuell. Es ist gerade das Buch, das auch Rachel und Joey in „Friends“ begeistert gelesen haben. Auch wenn es um junge Frauen geht, ist nicht nur für sie.

19. Jahrhundert, New England. Vier jugendliche Schwestern, Meg, Jo, Beth und Amy erleben zwischen zwei Weihnachtsfesten ein Jahr voller Freude und Kummer. Ihr Vater dient im Bürgerkrieg, bald verlässt sie auch die Mutter. Jo und Meg müssen arbeiten statt in eine Schule zu gehen. Doch die vier Schwestern wissen, dass viele Menschen um sie herum vielleicht noch mehr Leid empfinden und ihre Hilfe brauchen. Sie finden Tausend Möglichkeiten ihre Umwelt zu erheitern, und auch sich in den Schwierigkeiten zu retten. Im Mittelpunkt steht die Freundschaft zwischen zwei besonders lebhaften und smarten Jugendlichen, Jo und Laurie, die eine bestimmte Faible für Bücher haben. Es ist ein Buch der Nächstenliebe, Freundschaft und Liebe. Herzerwärmend und lustig.

„I suspect that the real attraction was a large library of fine books (…) The dim, dusty room, with the busts staring down from the tall bookcases, the cosy chairs, the globes and, best of all, the wilderness of books, in which she could wander where she liked, made teh library a region of bliss to her. The moment Aunt March took her nap, or was busy with company, Jo hurried to this quiet place, and, curling herself up in the big chair, devoured poetry, romance, history travels and pictures, like a regular bookworm.“ S. 51.

Louisa May Alcott: Little Women 1868, Alma Classics 2016, Illustrationen: Ella Bailey

Anton Čechov: Wintergeschichten

„Die Nacht war schön, sternenklar. Hinter den Wolkenfetzen und -fragmenten blinkten heiter die Sterne hervor, so als sei es ihnen angenehm, auf die Erde zu blicken. Die Luft war still und durchsichtig.“ S. 150.

Während hier regnet es, und kaum die Sonne scheint, und wir noch vergebens auf den dicken Schneefall warten, schneit es in diesen Erzählungen große nasse Flocken, der Schneesturm singt und heult.

„Der Schlitten fliegt wie eine Kugel. Die durchschnittene Luft schlägt ins Gesicht, heult, pfeift in den Ohren, kneift schmerzend vor Wut, will einem den Kopf von den Schultern reißen. Vor dem Ansturm des Windes lässt sich nicht atmen. Es scheint, als halte uns der Teufel leibhaftig in den Tatzen und zerre uns unter Geheul in die Hölle.“ S. 18.

Čechov gießt aber nicht ganz nur winterliche Stimmung mit Schneeflocken und Schlittenfahren und heißem Tee am Kamin in Worte. Er zeichnet meisterhaft menschliche Charaktere, lässt Sünden und Tugenden erkennen, in frostige und heiße Gefühle kurz blicken, schildert Armut und Ungerechtigkeit, jedoch auch die Schönheit des zornigen Winters. Wintersonne und Frost, Komik und Tragik, Verzweiflung und Heiterkeit spielen dabei in einander.

„Die Wintersonne, den Schnee und die Eisblumen an den Fenstern durchdringend, zitterte auf dem Samovar und badete ihre reinen Strahlen im Spucknapf.“ S. 8.

Anton Čechov: Wintergeschichten, aus dem Russischen von Peter Urban, ausgewählt von Christine Stemmermann, Diogenes Verlag, 2019

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