Kartenhaus

Die erfolgreiche Autorin (in der Kategorie „Unterhaltung“), Katharina, möchte ihren 50. Geburtstag groß mit Freunden feiern und bei der Planung stoßt auf das Nice Zand Hotel in Holland:

„Der extravagant-kühle, bis ins kleinste Detail der Interieurs durchgehaltene Chic hatte sie sofort bestochen – und in ihr die kindische Fantasie ausgelöst, ein modernes, von der begnadeten irakischen Architektin Zaha Hadid ersonnenes Unterwasserdomizil zu beziehen.“ S.74.

Drei befreundete Paare und Katharina mit ihrem Ehemann, dem Piloten Robert fahren aus Köln in das Luxushotel im niederländischen Zandvoort, und verbringen zusammen ein Wochenende.

Die Tüchtigen“ handelt von Menschen, die alles erreicht haben und alles genießen, was die gegenwärtige Gesellschaft zu bieten hat. Guten Job, viel Geld, Luxusmarken, schickes-teures Design, Verwöhnung für Körper und Seele. Ihre kulturellen Kulissen sind „House Of Cards“ und „Breaking Bad“. Und das Buch handelt auch von Menschen, die nicht ganz in diese glänzende Welt hineinpassen. Wie peinlich oder sogar katastrophal es in diesem Kreis ist, wenn jemand nicht mehr alles so tüchtig schafft, denn knapp daneben ist auch vorbei.

„Das Leben (das wusste Belinda natürlich, sie war ja nicht blöd!) war ein ständiges Lavieren zwischen Sieg und Niederlage, Dazugehörigkeit und Isolation, Bestand und Auflösung, Werden und Vergehen. Und natürlich gab es immer noch etwas Dazwischen! Mittelmaß, Mittelstand.“ S. 63.

Von Anfang an droht das Kartenhaus zusammenzufallen.

Zwar die Geschehnisse aus den verschiedenen Perspektiven der Figuren erzählt werden, doch diese Figuren, also Katharina, ihr Mann, und die Freunde werden auch aus einer überordneten satirischen Erzählperspektive beschrieben. Diese Erzählweise ermöglicht nicht nur ihre Handlungsmotiven und ihre Konflikte näher zu beleuchten, sondern auch Umgebung und Gefühlswelten feinfühlig zu beschreiben, darüber hinaus über brandaktuelle Themen der Wirtschaft und der Politik nachzudenken. Jedoch auch unappetitliche Szenen detailreich zu schildern und die Psyche der Figuren zu entblößen.

Ein enzyklopädischer Roman, dessen Sprache ebenso ausdrucksvoll wie klar ist. Hier ist ein schöner Satz zum Mitnehmen:

»Wow!«, dachte er mit Blick auf das sich unter einem lichten, hohen Himmel grünbraun bis an die diffus in der Ferne erkennbare Horizontlinie erstreckende Meer, dessen ruhelos bewegte Oberfläche wirkte, als fahre unaufhörlich ein riesiger, unsichtbarer Kamm mit seinen Zinken darüber hinweg, um Furchen und Linien zu ziehen.“ S. 54.

Peter Henning (1959) studierte Germanistik und Philosophie in Frankfurt am Main. Seit 2005 lebt er in Köln. Er publiziert Romane, Erzählungen und Gedichte.

Peter Henning: Die Tüchtigen, Luchterhand, 2019

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar!

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s