Sie ging in den Sturm hinein

„Ur und andere Zeiten“ spielt in einem kleinen Dorf an dem einen Ende der Welt. Ur ist ein polnisches Dorf im 20. Jahrhundert, zugleich ein Märchendorf, begrenzt von einem märchenhaften Wald. Anscheinend haben hier Freiherr, Müller einst mit Feen, Hexen und anderen Fabelwesen zusammen in einer gemeinsamen Glaubenswelt gelebt. Zur Zeit der Geschichte sind sie alle Menschen.

Genowefa, Ähre, Michał, Misia… also jeder hat sein eigenes Schicksal, und auch die Möglichkeit, sein Leben zu verändern. Manchmal scheinen doch die Menschen im Roman dem Schicksal unermesslich ausgeliefert (zwei Weltenbrände) zu sein, manchmal eben erscheinen sie mehr oder weniger als Märchenfiguren, mit transzendentalen Kräften ausgestattet, oder von diesen begünstigt.

„Die Muttergottes von Jeszkotle war der reine Wille, denen zu helfen, die krank und gebrechlich waren. Sie war die Kraft, die durch ein Wunder Gottes dem Bild zugekommen war.“ (S.44)

Sie schenkt die Kraft zur Genesung nicht aus Barmherzigkeit, so die Erzählung, sondern weil es in ihrer Natur liegt. Manche Menschen lassen diese Kraft in sich wirken und werden gesund, andere nicht und verlieren allmählich den Glauben an Wunder.

Der Roman erzählt also poetisch und metaphorisch über Veränderungen, die das Leben im 20. Jahrhundert bestimmt haben. Über reale und imaginäre Veränderungen. Denn nicht nur die Zeiten und Menschen wandeln sich, sondern auch ihre Glaubenswelt.

„Es ist sonderbar, dass sich Gott, der jenseits aller Zeit ist, in der Zeit und ihrem Wandel offenbart. Wenn man nicht weiß, »wo« Gott ist – und solche Fragen stellen die Menschen zuweilen –, muss man all das betrachten, was sich wandelt, was sich in keine Gewalt fügt, was sich auf und ab bewegt und verschwindet: Die Oberfläche des Meeres, den Tanz der Sonnenkorona, die Erdbeben, die Verschiebungen der Kontinente, die Schneeschmelze und den Weg der Gletscher, die Flüsse, die dem Meer zufließen, das Keimen der Saat, den Wind, der Berge formt, die Entwicklung der Frucht im Mutterleib, die Fältchen um die Augen, die Verwesung des Körpers im Grab, die Gärung des Weins, die Pilze, die nach dem Regen sprießen.

Gott ist Wandlung. Gott pulsiert im Wandel. Mal ist er mehr da, mal weniger, dann wieder gar nicht. Denn Gott offenbart sich sogar darin, dass er nicht da ist.“ S. 141.

Es wäre auch sinnvoll das ganze Kapitel „Die Zeit Gottes“ zu zitieren, aber die letzten Sätze müssen, meiner Meinung nach, wiedergegeben werden, weil sie das (vielleicht aufkeimende) Pathos des Gedanken mit einer Antithese ersticken:

„Alle, die so Heilung fanden, kamen im Krieg um. Denn auf dieser Weise offenbart sich Gott.“ S. 143.

Im Buch wird auch „ein Lehrreiches Spiel für einen Spieler“ beschrieben, das sich, wie ein geheimnisvoller Schlüssel, für die Öffnung zu der Erzählung eignen könnte.

„Das Spiel ist die Landkarte einer Flucht. Sie beginnt im Zentrum des Labyrinths. Ihr Ziel ist es, alle Sphären zu durchlaufen und sich von den Fesseln der Acht Welten zu befreien.“ S. 109.

Doch dieses Spiel führt auf der Ebene der Erzählung nicht zu einem klaren, vertieften Verständnis, und verhilft mich auf der Ebene des Lesens nicht zu einer übergreifenden Interpretation. Viel mehr verhindert es einfache und endgültige Schlüsse zu ziehen. Es fordert mich zum Nachdenken und das ganze Buch nochmal zu lesen heraus.

Der Erzählstoff scheint unerschöpflich zu sein. Ich muss mich in den Geschichten trotzdem nicht unbedingt verlieren. Höchstens metaphorisch. Das Lesen bleibt doch ein Vergnügen. Die zärtliche, ironische Erzählerstimme hat mich von vornherein angesprochen. Sie fabuliert nicht nur eine Welt voller Geschichten, sondern voller liebenswürdigen Figuren. Ich mag Ruta besonders, sie konnte mich überraschen.

„Ruta ging bis an die Grenze von Ur, drehte sich um, stellte sich mit dem Gesicht nach Norden und fand in ihrem Innern das Gefühl wieder, das sie alle Grenzen, Sperren und Tore überwinden ließ. Sie liebkoste es einen Augenblick lang in ihrem Innern. Ein richtiger Schneesturm brach los, und Ruta ging mit ihrem ganzen Wesen in den Sturm hinein.“ S. 246.

Olga Tokarczuk: Ur und andere Zeiten. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky, Kampa Verlag 2019 [1992]

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Art of Arkis sagt:

    Spannung und Entladung sind ohne Gegensätze nicht zu haben. Synthese! Lieben Gruß

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    1. Veronika sagt:

      Lieber Arkis, ich kapiere, was das bedeutet, aber nach langem Nachdenken bin ich noch immer nicht sicher, dass ich dich verstehe. Meiner Meinung nach sind Spannung und Entladung sehr wichtig, nur sie können meist anderswo verortet werden. Und sind nicht bewusst verbunden. Aber ich bin nicht sicher. Liebe Grüße

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      1. Art of Arkis sagt:

        Ja so meinte ich das, ohne Gegensätze gäbe es keine Harmonie, es wäre alles flach und Stillstand, keine Bewegung mehr möglich. Lieben Gruß.

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      2. Veronika sagt:

        Lieben Dank! Also deshalb mag ich Gegensätze so sehr! Ich brauche sie für meine Harmonie. Liebe Grüße

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