Poetische Mauritius-Reise

Die kleine Insel im Indischen Ozean, Mauritius, erscheint im Roman „Alma“ anders, als in den Reisebroschüren. Das Buch zu lesen ist zu diesem Frühling wie eine poetische Reise.

Es ist, als ob du auf der Insel an einem heißen nebligen Tag landetest. Am Anfang kannst du noch die Gegenstände und die Gestalten nur verwischt wahrnehmen. Einiges leuchtet in grellen Farben, einiges verschwindet in düsteren Ecken. Fast riechst du die würzigen Düfte in der Luft. Später werden die Konturen allmählich sichtbar, nach 100 Seiten bist du im (subtropischen) Wald der poetisch verdichteten Sätze nicht mehr fremd.

Mauritius erscheint in vielen, mit einander locker verbundenen, auf verschiedenen Zeitebenen spielenden Episoden: So wie die Insel heute ist, aber auch wie sie gewesen ist, zum Beispiel zur Zeit der Maroons, der entlaufenen Sklaven, und der Dodos, der großen flugunfähigen Vögel. Diese zwei wirklichen Ureinwohner der Insel sollen vergeblich versucht haben, sich im Wald zu verbergen (Ende 17. Jahrhunderts), bevor ihre Spuren für immer verlorengegangen sind. So erzählt es der Protagonist-Erzähler, Jérémie Felsen. Er sucht die Spuren seiner Familie und bastelt sich aus gespenstischen Erinnerungen, Träumen, Märchen, Meeresgeräuschen die grässliche Geschichte der Insel zusammen.

Viele Episoden werden jedoch von Dodo, einem letzten, vereinsamten Familienmitglied erzählt, der vor der Ankunft von Jeremie, verschwindet. Mauritius ist seine Heimat, Alma ist der idyllische Ort, wo Dodo als glückliche Kind gelebt hat. Ein Paradies für ihn. Doch Dodos Körper und sein Gesicht sind von einer schrecklichen Krankheit verzerrt worden. Gleichzeitig ist er von Freundlichkeit und Wohlwollen beseelt, also eine seelische Schönheit. Aus seinen klaren, einfachen Empfindungen und Beobachtungen zeichnet sich eine Welt der Armen, Schwachen, Elenden aus. In vielen Hinsicht ist der Clochard-Dodo dem grotesk aussehenden, arglosen Vogel, dessen Fleisch nicht einmal essbar gewesen ist, ähnlich.

Wo sich einst aber Alma erstreckt hat, findet Jeremie nur noch Autobahnen. Das Buch vermittelt das Gefühl, dass es Dodos, Almas, Glückselige und Paradiese auch heutzutage gibt. Erzählt wird jedoch nur ihr Verschwinden.

„aber sie haben ihr Los schon erraten, wissen, dass kein Paradies ewig währt und das Böse sich irgendwann in Gestalt von habgierigen, ausgehungerten Abenteurern Zutritt zu dieser Insel schafft.“ S. 87.

Doch Maurtitius hat viele Gesichter. Viele Figuren aus der alten Zeiten erzählen ihre eigenen, manchmal mystischen, manchmal abenteuerlichen Geschichten. Weitverzweigt wird der Roman außerdem auch noch dadurch, dass er intertextuelle Bezüge bietet: Jeremie führt sich als eine Art Humbert Humbert auf, der auf der Insel ein Mädchen, eine Art Lolita, beobachtet. Dodo spielt ein einziges Lied immer wieder auf Klavier: „Auld lang syne“. Auf dieses Abschiedslied deutet das Motto des Romans. Die Zeilen stammen von Robert Burns: „For auld lang syne, my dear/ For auld lang syne/ We‘ll take a cup of kindness yet/ For auld lang syne.“

J. M. G. Le Clézio wurde in Nizza geboren, diee Wurzeln seiner Familie liegen in der Bretagne und auf Mauritius.

J. M. G. Le Clézio: Alma. Aus dem Französischen von Uli Wittmann, Kiepenheuer & Witsch, 2020 [2017]

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

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