Orlando

„Illusionen sind für die Seele, was die Atmosphäre für unsere Erde ist. Man entferne diese zarte Luftschicht, und die Pflanze stirbt, die Farbe verbleicht. Die Erde, auf der wir wandeln, ist verglühte Schlacke.“ S. 178.

Kaum sind im Roman solche Lebensweisheiten zu lesen, eben deshalb ist mir dieser Satz von Wichtigkeit. „Orlando“ erzählt zunächst über einen schönen aristokratischen Jungen mit einer zärtlichen Vorliebe für Poesie in der oft grässlichen Elisabethanischen Ära. Er ist ein ästhetisches Wesen, er formt sich, wie ein Kunstwerk. Doch er wird auch von schüchterner Erotik geprägt und verliebt sich in eine russische Herzogin, während ganz London einfriert, und die Verkehrsmittel die Schlittschuhe sind. Das Leben des Liebespaar wird zum Eistanz. Wie ein Märchen.

Die fantasievollen, exotischen Wendungen sind dem Roman nicht fremd. Orlando wird zum Beispiel zum Gesandten in der Türkei, dann wird er zur Frau, dann lebt das unkomfortable, aber naturnahe Leben der Zigeuner… Als aus einem Mann gewordene Frau vergleicht sie wiederholt die Verhaltensregeln des männlichen und weiblichen Lebens und stellt die Existenz wahrer mentalen Unterschiede in Frage.

Auch wenn im „Orlando“ das jeweilige historische Milieu so realitätsnah gezeichnet, oder die Biographie mit Fotografien illustriert wird, laufen die Geschichten im Buch immer in der Richtung vom Irrationalen und Außerordentlichen ab. „Orlando“ ist auch eine Satire, er ist in vielen Fällen eine humorvolle Lektüre. Mit dem nächsten Abschnitt wird die Darstellung der glanzvollen Gesellschaft während der Regierungszeit Königin Annes eingeführt:

„Und so sehen wir uns zu dem Schluss genötigt, dass die Gesellschaft eines jener Gebräuche ist, wie kundige Hausfrauen sie zur Weihnachtszeit heiß servieren und deren Aroma vom richtigen Mischen und Umrühren eines Dutzends verschieden Zutaten abhängt. Für sich allein gekostet ist jede einzelne fade. Man nehme Lord O., Lord A., Lord C. oder Mr. M., und jeder einzelne von ihnen ist ein Nichts. Man rühre sie alle zusammen, und als Gemisch ergeben sie das berauschendste Aroma, den verführerischen Duft. Und dennoch verweigert sich dieses Berauschende, dieses Verführerische unserer Analyse. In ein und demselben Augenblick ist die Gesellschaft somit alles und nichts.“ S. 170.

„Orlando“ ist nicht nur ein Roman, sondern viele, so könnte ich ihn am pfiffigsten beschreiben. Kein Buch, das man schnell verschlingen kann. Weil „Orlando“, der Roman, darüber hinaus, dass er über ein Menschenleben durch viele historische Epochen (400 Jahre) erzählt, spielt noch dazu oft im Kopf seiner Figur, also Orlando. Er schildert langatmig Gedanken und Gefühle. Und er ist poetisch und theatralisch. Bevor Orando nach einem Delirium als Frau erwacht, erklingen Trompeten, die die Wahrheit fordern. Die Szene entspricht einem Bühnenstück. Im „Orlando“ geht es um Poesie, Literatur, Ästhetik und Liebe. Denn: Was sonst täte das Leben lebenswert.

Virginia Woolf: Orlando. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Melanie Walz, Insel Verlag, Berlin, 2012 [1928]

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Xeniana sagt:

    Ich lese Virginia Woolf sehr gern, aber mit Orlando kam ich irgendwie nicht zurecht.

    Liken

    1. Veronika sagt:

      Der Anfang des Buches war auch für mich anstrengend, nur nachdem Orlando eine Frau geworden war (120 Seiten), ließ sich das Buch ein wenig lockerer lesen. Meine Tochter machte die gleiche Erfahrung. Liebe Grüße!

      Liken

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s