Rausch in der Frühe

Dezső Kosztolányi: Rausch in der Frühe. Aus dem Ungarischen von Wilhelm Droste

Erzählen will ich es dir, lass mich nur.
Letzte Nacht ließ ich die Arbeit liegen –
So um drei Uhr.
Ich ging zu Bett. Doch im Kopf weiter getrieben,
Nahm es kein Ende, das Gedankenschieben,
Wütend wälzte ich mich,
Schlaf aber fand ich nicht.
Dabei rief ich ihn mit albern dummen Worten,
Zählte bis hundert, schluckte Gifte aller Sorten.
Fiebrig starrte mich an, was ich geschrieben,
Vierzig Zigaretten, die meinen Herzschlag trieben.
Dazu noch allerlei. Kaffee. Und überhaupt.
Dann steh ich eben auf, was soll der Widerstand,
Und laufe hin und her, im Hemd vom Schlaf beraubt,
Um mich herum die Lieben, ein sichres Land,
Sie träumen süß am Märchenmeeresstrand,
Ich aber fühl mich berauscht, trunken bis zum Rand,
Schau aus dem Fenster und will sagen, was ich da fand.

Wie fange ich nur an, wie drücke ich mich aus,
Doch warte, du kennst ja unser Haus,
Erinnerst dich an das Zimmer, wo ich schlafe,
Du kennst den Blick hinaus, verlassen, ärmlich,
Die Logodi Straße, ach wie erbärmlich,
Um diese Zeit die reinste Strafe,
Hier zu wohnen.
Du siehst durch offne Fenster in lauter private Zonen,
Die Leute liegen hingestreckt, um sich zu schonen,
Sie liegen da, wie Bretter, blind und stumm,
Verdrehte Augen schaun sich blinzelnd um,
Sehn im Gehirn den Nebel, strahlend dumm,
Blutarmut ist alltäglich, sie hat sie übermannt,
Sie liegen da ganz ausgebrannt.
Daneben Schuhe, Kleider an der Wand,
Ihr Zimmer sperrt sie ein wie eine Dose,
Ihr Träumen macht daraus die schönste Rose,
Aber studierst du sie und siehst sie ganz genau,
So leben sie in Zellen, wie in einem Bau.
Ein Wecker tickt durchdringend aus der Stille,
Marschiert und hinkt, mechanisch ist sein Wille,
Gleich brüllt er los in Gnadenlosigkeit,
Dem Schlafenden entgegen: “Sei bereit!“
Noch schläft das Haus, ahnt kaum Gefahren,
So kann es bleiben bis in hundert Jahren,
Und bricht es einst zusammen, wächst das Gras,
Und jede Seele längst vergaß,
Dass wir hier wohnten, warm und hinter Glas.

Mein Freund, da oben liegt die heitere Himmelswelt,
Klar und gewaltig glänzt das große Zelt,
Zitternd und fest, wie Treue, die ewig hält,
Das große Firmament,
Genau wie es das Kind von früher kennt,
Der blaue Fleck, der sich über Mutters Decke gießt,
Die Wasserfarbe, die im Heft verfließt,
Das Atmen der Sterne
Funkelt still in der Ferne
In der lauwarmen Herbstnacht,
Die dem Frost vorauslacht,
Unaussprechlich drüben und weit,
Sie sahen schon Hannibal ziehen zum Streit
Und sehen jetzt mich in Budapest stehn,
Hierher verschlagen aus dem Fenster sehn.

Ich weiß nicht, was damals mit mir geschah,
Es schien mir, als ob es ein Flügelrauschen war,
Was längst beerdigt schien, die Kinderjahre,
Beugt sich über mich wie eine frische Frage.

Endlos, weil es mir gefiel,
Sah ich am Himmel das reiche Spiel,
Schon zog im Osten auf das Morgenrot,
Funkelndes Sternenschaukeln wie im Sturm ein Boot,
Und in der Ferne sah ich ganz gebannt,
Kometenschweife wie entflammt,
Das Tor eines himmlischen Schlosses ging auf,
Umringt von glühendem Flammenlauf,
Oben ein Regen und Bewegen,
Gäste zerstreuten sich, dem Ausgang entgegen,
Die Ballnacht schwankte im Morgengraun,
In tiefen Schatten, schwarz und braun,
Die Vorhalle schwamm in strömendem Licht,
Der Hausherr tat zum Schluss seine Pflicht,
Er sprach auf der Treppe, vornehm und fein,
Ein himmlischer Riese mit Heiligenschein,
Bewegung, Geräusche, aufgeschrecktes Staunen,
Flüstertöne, Frauenraunen,
Als wäre das Fest nun aus und vorbei,
Pförtner riefen nach Kutschen mit lautem Geschrei.

Da erschien ein Spitzenschleier
Auf dieser fernen Feier,
Diamantenfluss durchbricht
Das dumpfe, graue Dämmerlicht,
Ein blauer Glanz,
Prächtiger Tanz,
Vollführt von einer schönen Frau,
Funkelnd verziert sie der Morgentau,
Den reinen Frieden bestrahlt ihr Licht
Die hellblaue, jenseitige Schicht,
Oder steckt ein Fee sich Kopfschmuck ins Haar,
Mit leichter Geste, sie müht sich nicht,
Ist anmutig klar,
Und stiller als der stillste Traum
In leichtem Schweben
Schwingendem Beben
Kutschiert sie rasch durch den tiefen Raum,
Ihr reizendes Lächeln, man sieht es kaum,
Ihre Pferde traben wie verzückt,
Die Milchstraße festlich geschmückt,
Ihre Hufen funkeln unter hundert Wagen,
Konfettiregen fällt in dichten Lagen.

Ich stand da mit offenem Munde,
Schrie vor Glück in die gewaltige Runde,
Der Himmel feiert, feiert jede Abendstunde,
Das große Geheimnis, jetzt war es mir klar,
Was da im Himmel seit Urzeit geschah,
Am Morgen geht sie nach Haus, die Engelschar,
Auf ihrer großen Bahn der Unendlichkeit nah.

Bis zum Morgengraun,
Stand ich so da, erstarrt von diesem Schaun.
Dann fragte ich: Was war denn nur dein Ziel
Auf dieser Welt, langweilige Geschichten,
Wurdest zum Sklaven jeder Hure, die gefiel,
Bist blind gewesen beim Schreiben von Gedichten
Dass soviel Sommer, soviel Zeit verfiel
Winterabende hast träge du verbracht,
Erst jetzt siehst du das Wunder dieser Nacht?

Fünfzig Jahre,
O weh, die Zahl wird mir zur Plage,
Wieviele Tote trug ich schon zu Grabe,
Fünfzig Jahre über mir schon ihr Gestrahle,
Diese Himmelskörper, verwandt und voller Leben,
Ich rieb mir Tränen, erschüttert und verlegen,
Mir brach das Herz, und ich muss dir gestehen,
Demütig dankte ich, dies alles hier zu sehen.

Ich weiß genau, für mich gibt es keinen Glauben,
Dieses Dasein ist kurz, man wird es mir rauben,
Doch da begann ich meiner angespannten Seele
Den Azur zu preisen, die blaue Himmelsschöne,
Und den, der keinem je Gewissheit bot,
Den ich nie finden werde, auch nicht tot.
Doch jetzt, da meine Muskeln müde werden,
Fühle ich genau, mein Freund, in diesem Staub,
Strauchelnd und irrend, hörend und taub,
Es muss den Unbekannten geben hier auf Erden,
Ein großes Wesen,
Sein Gast bin ich gewesen.

Dezső Kosztolányi, ungarischer Schriftsteller, wurde 1885 geboren, studierte in Budapest, arbeitete als Journalist, starb 1936. Erneuerer der ungarischen Literatur im 20. Jahrhundert, einer der größten Dichtern der Westen-Generation, die ihren Namen nach der literarischen Zeitschrift „Nyugat“ (Westen) erhielt. Er schrieb Gedichte, Erzählungen, Romane, Essays, übersetzte Werke von Shakespeare, Oscar Wilde, Georg Büchner, Rainer Maria Rilke… Thomas Mann schrieb einen Vorwort für die deutsche Ausgabe seines Nero-Romans (Nero, der blutige Dichter, 1923). Das Gedicht „Rausch in der Frühe“ (1933) beschreibt mit einer spielerischen Rhythmik und voller Poesie, doch mit der Ungezwungenheit der gesprochenen Sprache einen Zustand der Illumination, des kreativ schöpferischen Erlebnisses der Erleuchtung.

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