Die himmlische und die irdische Liebe

Könnten die himmlische und die irdische Liebe von einander gelöst werden? Könnte die Seele lieben, ohne den Körper, und umgekehrt, der Körper ohne die Seele?

„Herr Rudi“ fängt mit einer grotesken Szene an. Herr Rudi, gerade pensioniert, kniet nackt in einem Hotelzimmer. Sein Körper ist mit Badewannenschaum bedeckt, ein Hexenschuss duldet ihm keine Bewegung mehr. Sein Körper erniedrigt Herrn Rudi, er demütigt ihn, wie ein Tier, er liefert ihn den Schmerzen aus. Ein Schutzengel hält nur noch in seinem Körper die Seele fest.

Der Auftritt des Herrn Rudi. Von hier aus blicken wir mit ihm zurück an schönere Ereignisse in seinem Leben. Aber auch an schmerzhafte. Und überhaupt an die Lebensfreude des Herrn Rudi. Denn manchmal erlebte er, wie das Himmlische mit dem Irdischen harmonisiert. Liebe, Freundschaft.

Farbenfrohe Früchte (Blaubeeren, Orangen), der Regen und das Baden im Wald (in der Nähe von Salzburg), wie sie sich anfühlen, wie sie duften, schmecken, scheinen auf Herrn Rudi zauberische Kraft auszuüben. Sie lassen Lebensfreude sprühen, wenn die himmlische Liebe mit dem Körperlichen harmonisiert. Wie kann man diese Lebensfreude beibehalten? Orangenmarmelade oder Wein?

„Tagein, tagaus denkt er also über den Regen nach. Wie er riecht, wie er schmeckt, wie er sich anfühlt, die verschiedenen Arten, wie er sich anhören kann, je nachdem, wie man sich gerade fühlt im Leben. Der Herr Rudi glaubt nämlich, dass Regen im allgemeinen ein magisches Eigenleben hat und mehr ist, als ein Endprodukt von Ursache und Wirkung.“ S. 89.

Der junge Herr Rudi hat den Auftrag von der Livi, seiner Liebe, erhalten, den Regen anders zu beschreiben. Durch die Jahre, schon längst ohne Livi, aber in einer magischen Verbindung für immer mit ihr, bleibt er dieser Lebensaufgabe treu.

„Herr Rudi“, wie ein Theaterstück (dürfte sogar von einer einzigen Person aufgeführt werden), setzt nämlich mit emblematischen Stilelementen doch die himmlische Liebe in die Szene, die ewig hält, jenseits des Todes. Makellos, ohne Verletzungen, Rivalitäten, Missverständnisse, sogar ohne die Langweile des Alltags.

Anna Herzig: Herr Rudi, Voland & Quist, 2020

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

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