Die Anatomie der Wahrnehmung

Eine junge Frau nimmt ihre Gefühle unter die Lupe. Während ihre kleine Tochter im Garten spielt, befindet sich die junge Mutter in einer Zwickmühle: sie wünscht sich zwar noch ein Kind zu bekommen, aber sie hat noch immer Angst vor der Mutterschaft, vor ihrer möglichen Unfähigkeit für vollkommene Hingabe an die Anderen, oder im Gegenteil: Angst vor der Selbstverlust in der Liebe. Oder Angst vor der Trennung von der Tochter durch die Geburt und vor der Distanzierung durch die wachsende Selbstständigkeit des Kindes. Doch auch Angst vor der Unmöglichkeit der vollkommenen Liebe ihrem Ehemann gegenüber, oder eben vor der Distanz, die zwischen ihnen eintritt, indem das Kind zur Welt kommt und Objekt für ihre beiden Liebe wird.

Die Ich-Erzählerin analysiert sich selbst in dieser Weise, sie ist ihr eigenes philosophisches Objekt. Sie erinnert sich an die Verhaltensmuster ihrer Eltern und Großeltern, in erster Linie an ihre Beziehung zu ihrer Mutter und an die zu ihrer Großmutter. Letzte ist Psychotherapeutin, von der sie die Selbstanalyse angeeignet hat. Und diese Beziehungen sind sehr komplex: die scheinen manchmal ungewöhnlich, distanziert und diszipliniert zu sein, zugleich feinfühlig und bedacht. So lässt sich allerdings die vielfältige und sensible, doch von Zweifeln bestimmte Wahrnehmung der Erzählerin erklären. Und ihr Verlangen nach Autonomie und Freiheit.

„Genau wie es stets warm und der Garten immer grün war, herrschte im Haus meiner Großmutter an jenen erinnerten Sommertagen immer eine angenehme Kühle und Stille, es war ein gedämpfter, friedlicher Ort, wo man sich gern zwischen die Bücherregale setzte und eine Zuflucht fand. Es handelte sich allerdings nicht um ein Haus, das Kinder herzlich empfing. Die Räume strahlten dieselbe autoritäre Ruhe aus, die man auch in Universitätsbibliotheken antraf – Wissen wurde angeboten und konsumiert, Lernen war das Ziel, Weiterlernen die Belohnung, und sie vermittelten mir, für die Dauer meines Aufenthalts, eine frühreife Form des Erwachsenenseins.“ S. 77.

Sie webt in ihren Gedankenstrom kulturgeschichtliche Beispiele ein, für die wissenschaftlichen Beobachtungen über das Funktionieren menschlichen Körpers. Die Geschichte der Entdeckungen, die Röntgen, Freud und John Hunter (Begründer der experimentellen wissenschaftlichen Chirurgie) gemacht haben, zeigt auf, dass die Wissenschaftler selbst Objekt ihrer Beobachtungen gewesen sind, mitsamt ihrer Familien, ihrer Gefühle, Lebensgeschichten, Erinnerungen, Stärken und Schwächen.

„Doch noch immer kann ich nicht glauben, dass es so einfach gewesen sein sollte, die Tatsachen so nackt und unflektiert von jenem Zusatz waren, der Bedeutung schafft, der Teil der Wahrheit, der sich aus Erinnerung speist, unser gefühlter Beitrag zum Wesen der Dinge, und deshalb stelle ich es mir so vor: einige kleine Schritte, dann bleibt Röntgen vor dem leuchtenden Papier stehen, als wäre es eine Reliquie, und da ereilt ihn plötzlich die Erkenntnis – eine Öffnung, durch die er die Welt neu erfasst.“ S. 31

Wir wissen nicht, wie die erzählende Hauptperson dieses Essayromans heißt, nicht einmal den Namen ihrer Tochter. Die Großmutter wird Dr. K. genannt, ihr Ehemann Johannes. Erstaunlich, wie wenig das Buch über diesen Mann, der sie beständig unterstützt, über seine Gedanken und Gefühle preisgab. Ihn verschonend freilich, seine Integrität respektierend, während die Erzählerin über sich eine Studie, wie eine anatomische Untersuchung über den Körper, aber hier über ihre Wahrnehmungen durchführt. Hartnäckig, suchend. In langen weitverzweigten, sporadischen Sätzen.

Die Autorin wurde 1982 geboren, studierte Philosophie in Cambridge und London. Nach einer Erzählungssammlung ist „Was wir von einander wissen“ ihr Debütroman.

Jessie Greengrass: Was wir von einander wissen. Aus dem Englischen von Andrea O‘Brien, Kiepenheuer & Witsch, 2020

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

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