Die Felshütte meines Vaters

„Acht Berge“ spielt in den Bergen Nord-Italiens, in den Wäldern, wo im Wildbach Forellen aufblitzen und die Bergbewohner Kühe hüten. Es ist schwierig hier die Alm zu behalten, weil der Wald sein Territorium allmählich zurückzuerobern versucht. Es spielt weiter höher im Hochgebirge, wo nur vereinzelte Lärche an den Felsen stehen und kleine kristallklare Bergseen und schneebedeckte Gipfel sich vor den Augen der Bergwanderer auftun.

Unten im Tal verbringt der Erzähler, Pietro jeden Sommer seiner Kindheit, und freundet sich mit Bruno, einem armen Dorfkind an. Sie entdecken die geheimnisvollsten Ecken des Waldes gemeinsam. Pietros Vater nimmt die Jungs zum Wandern mit, ganz in die Schneehöhe, um die Gletscher zu besteigen. Später, nach vielen Jahren kehrt Pietro mit 30, als Dokumentarfilmmacher zurück, immer geldlos, durch Stadtleben verweichlicht. Doch mit Bruno baut er im Laufe eines langen Sommers eine Felshütte aus Ruinen, weit vom Tal und den Menschen entfernt. Bruno nennt ihn, Pietro, noch immer in Dialekt Berio, betonend, dass sein Name Stein bedeutet.

Die Felshütte im Hochgebirge mit Ausblick auf einen Bergsee bietet Pietro das höchste Glück. Trotzdem kehrt er immer wieder in die Stadt zurück. Zudem macht er sich auf Reisen in die Berge des Himalaya, um die Acht Berge zu sehen. Sinnbildlich, da das in Nepal lebensphilosophische Bedeutung hat. Bruno bleibt indessen daheim und baut die Alm seiner Träume. Das ist der Höhepunkt des Romans, meiner Meinung nach. Doch es wird im Roman klargestellt, eine Existenz in diesen Bergen zu bewahren, ist nur ein Traum. Die beiden haben trotz zäher Arbeit Ebbe im Geldbeutel.

Der Roman hat zwar einen erzählerischen Bogen, doch scheint für mich eher wie eine lockere Reihe von stillen und langsamen Erzählungen über Väter und Mütter, die magische Kraft des geistigen Vermächtnisses. Über Wandern und Leben in den Bergen, wohin man aus dem Stadtleben fliehen kann, wo Glück, Freundschaft und Ruhe stattfindet. Eine langatmige, symbolisch besetzte und emotionale Antwort auf die Frage: Was zieht einen eben da oben, über 2000 Meter im Monte-Rosa-Massiv, wo der Schnee nur im Juni verschmelzt, und Steine den Platz der wuchernden Wälder zu übernehmen beginnen?

Paolo Cognetti: Acht Berge. Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt, DVA 2018 [2016]

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