Eine literarische Freundschaft

„Sie setzte sich in Höschen und BH auf den Rand des Bettes. Neben ihr lag das Brautkleid wie der Körper einer Toten. Davor, auf dem Fußboden mit Sechseckmuster, stand die mit dampfendem Wasser gefüllte Kupferwanne. Plötzlich fragte Lila:

„Meinst du, ich mache einen Fehler?“

„Womit“

„Mit der Heirat.“

„Denkst du noch an die Geschichte mit dem Trauenzeugen?“

„Nein, ich denke an unsere Lehrerin. Warum wollte sie mich nicht reinlassen?“

„Weil sie eine alte Kratzbürste ist.“

Sie schwieg eine Weile und starrte auf das glitzernde Wasser in der Wanne, dann sagte sie:

„Was auch geschieht, du musst weiterlernen.“

„Noch zwei Jahre, dann mache ich das Abitur und bin fertig.“

„Nein, hör niemals auf. Ich gebe dir das Geld dafür, du musst immer weiterlernen.“

Ich kicherte nervös und sagte:

„Danke, aber irgendwann ist die Schule aus.“

„Nicht für dich. Du bist meine geniale Freundin, du musst die Beste von allen werden, von den Jungen, von den Mädchen.“

S. 459-460.

Elena Ferrante’s Sätze halten die Leser in Bann, sie sind federleicht, emotional, mal leidenschaftlich, mal direkt. Die Familiensaga hat Tiefe und Höhe, sie hat historische, gesellschaftliche, psychologische Facetten, sie reißt mich daher mit in die eigene Welt, als ob ich da mittedrin wohnen würde. Die Geschichte spielt in der Nachkriegszeit. Obwohl oder weil diese Welt mir so oft ganz fremd und gruselig ist: das Maffioso-Verhalten der jungen Männer, die Brutalität, mit der diese jungen Menschen die Konflikte lösen, werden die Erzählerin, Lenú, und ihre Freundlin, Lila, Teil meines Lebens. Auch, wenn ich das Buch öfters zuklappe, weil ich es unrealistisch finde.

Mich begeisterten einige Stellen im Buch, aber andere sind manchmal zu langatmig. In den Erzählungsträngen ist es zu literarisch. Doch irgendwann habe ich begonnen zu lieben die Geschichte dieser fulminanten Freundschaft, die meiner Meinung nach viele, sogar alle mögliche Freundschaften visionär beinhaltet. Deshalb halte ich sie für eine literrische Freundschaft. Ich lese mittlerweile das zweite Buch, „Die Geschichte eines neuen Namens“ (2012, die deutsche Übersetzung: Karin Krieger, 2017) Und jetzt schmöckere ich die neapolitanische Saga, es ist manchmal 3 Uhr nachts, als ich merke, dass ich noch immer lese, statt zu schlafen.

Elena Ferrante: Meine geniale Freundin. Aus dem Italianischen von Karin Krieger, Suhrkamp Verlag 2016 (2011)

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ich habe mir erlaubt, deinen tollen Blog für den Herz&Verstand Award zu nominieren! Ich hoffe, das ist dir recht! 🙂 Schau auf den Seelenlandeplatz, neuester Post! Alles Liebe und beste Grüße, Heidi

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    1. Veronika sagt:

      Lieben Dank Heidi!

      Gefällt 1 Person

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