Nicht nur aus Fleisch und Blut

“Die Vegetarianerin” wird am Anfang aus der Perpektive eines bodenständigen, allerdings gefühllosen Mannes erzählt, der seine Frau nie attraktiv gefunden, nie geliebt hat. Er hat seine Frau nicht einmal interessant gefunden, er wählte sie aus puren praktischen Aspekten. Seine Frau verändert sich aber während des Zusammenlebens, und sie enttäuscht seine Erwartungen, sie ist plötzlich nicht mehr die anspruchslose graue Ehefrau, die ihre Aufgaben schweigend erledigt. Aus seiner Sicht wird sie zur Vegetarianerin. Zu einer komischen Gestalt, die nicht mehr ins Schaufenster passt.

Zwischendurch schalten sich für kurze Abschnitte auch die Stimme und Sichtweise der Ehefrau ein. Sie ist die Hauptperson des Buches und scheint von einer unbestimmten zerstörerischen Kraft zerfressen, und blutig zerschnitten werden. Diese Kraft scheint in ihr, in ihrer Umwelt, und sogar in der menschlichen und tierischen Umwelt ganz tief inne zu wohnen. Nur normalerweise zähmt man diese gewaltigen Kräfte, und sie sind auch teilweise Normalität, indem viele Lebewesen Fleisch essen, rivalisieren, wetteifern. Ja, Tiere kämpfen bis zum Blut, und Menschen führen Kriege: Wo ist die Grenze der Normalität und die der menschlichen Würde? – fragt meiner Meinung nach das Buch.

Es geht darum, dass Blut und Fleisch für jemanden plötzlich keine Normalität mehr sind, das gilt auch symbolisch. Aber damit ist nur die eine Seite der Medaille erklärt. Diese Welt beschuldigt diese Frau, weil sie Vegetarianerin, dann weil sie krank geworden ist. Es ist eine Umwelt, in der Tiere und oft auch Menschen auf ihre Produktivität, also auf die körperlichen, materiellen, und deshalb auch gesellschaftlichen Bedürfnisse degradiert werden. In der Welt des Romans fehlt schrecklich die Individualität, fehlt die Liebe, und fehlt auch die metaphysische Ebene. Auch die Kunst bietet keinen Ausweg. Der Künstler Schwager, der den Körper der Vegetarianerin mit bunten Blumen bemalt, spürt ihre erotische Anziehungskraft uns schöpft Kunst daraus. Doch er empfindet diese Erotik symptomatisch für eine abstoßende Abnormalität.

Auch wenn zum Beispiel die Gesellschaft in Süd-Korea, wo die Autorin geboren wurde, weniger individualistisch ist, als die europäische, gilt der Konflikt des Romans allerorts. Und deshalb ist die Lektüre viel mehr erschütternd, als das Blut, von dem in der Geschichte so viel spritzt.

Wunderschönes, vielsagendes Cover.

Han Kang: Die Vegetarianerin, Ü: Ki-Hyang Lee, Aufbau Verlag Booker Prise 2016 (2007)

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. ….von Herz zu Herz … vegane Grüße!
    Segen!
    M.M.

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    1. Veronika sagt:

      ❤ Herzlichen Dank. Liebe Grüße!

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