Kunst hervorbringen

„Die Ermordung des Commendatore Band I” ist der erste Murakami-Roman, der mich mitgerissen hat. Es ist eine bezauberte Geschichte über den Prozess der künstlerischen Schaffung, sehr metaphorisch und gegenwärtig.

Murakami erschafft schon in der ersten Episode eine erstaunende, zugleich geheimnisvolle Atmophäre. Der Ich-Erzähler ist ein junger Porträt-Maler, der – nachdem ihn seine Frau verlassen hat – in den Bergen wohnt, in einem kleinen alten Haus eines berühmten Malers, mit Meerblick. Das Haus hat einen großen Garten, darin befindet sich ein märchenhafter Hain mit einem uralten Schrein und eine unterirdische Steinkammer. Es ist sehr still im Haus, der Maler hört nur das Klopfen des Regens und den Schrei der Krähen. Ab und zu kommt ein Auto vorbei.

Hier tragen viel versprechende Ereignisse zu, und fantastische Entdeckungen kommen zum Vorschein. Der Maler findet ein verstecktes Bild von seinem alten Hausbesitzer, dem berühmten Maler, der Titel des Bildes ist: „Die Ermordung des Commendatore”. Die detaillhafte Beschreibung des Bildes, sein Hinweis auf das Musikstück „Don Giovanni” und die Rolle, die das Bild in der Geschichte spielt, führt dazu, dass Erzählung, Musik und Bild gedanklich in einander spielen, auf einander zeigen. Es geht nicht nur um eine unterhaltsame Geschichte, aber um Kunst und Musik. Gegenüber des kleinen Hauses lebt ein geheimnisvoller Mann in einem großen Villa, und beauftragt den Maler ein Porträt zu malen, wobei nichts seine Vorstellungskraft begrenzen soll. Der Auftraggeber und der Maler führen bei den Sitzungen spannende Gespräche über Musik, Literatur und Kunst, und es scheint ihnen nichts wichtiger zu sein, als ihrer Neugierde und Phantasie nachzugehen. Aber das tun sie sehr ernüchtert. Es ist alles gegeben für den Porträt-Mmaler, um echte Kunst hervorbringen zu können: Materialien, Werkzeuge, Thema, Wissen, Stimmung, Inspiration. Sarkastisch betrachtet, erlebt er gerade auch fruchtbar konfuse Emotionen. Und etwas Misteriöses scheint auch noch seinen Pinsel und sein Bewusstsein (und Nichtbewusstes) zu führen.

Der Erzählstil ist besonnen, sogar kühl und ungläubig. Dem Porträtmaler, der hier erzäht, scheint leichter Körper also das Sichtbare zu malen, als Ideen, also das Unsichtbare. Beschreibungen von Automarken und Pornosszenen kontrastieren die großen Lebensfragen, die im Buch gestellt werden.

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore Band I. (2017), Ü: Ursula Gräfe, DuMond Verlag 2018

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