Eine Reise in der Welt des Kunstwerks

Der Porträtmaler führt im „Die Ermordung des Commendatore II.“ spannende Gespräche mit seinem ungewöhnlich suveränen und intelligenten Nachbarn, Menshiki und mit einem sehr feinfühligen Mädchen, dessen Porträt er malt, und das ihn an seine verstorbene Schwester erinnert. Marie wie auch alle Frauen in diesem Buch haben einen starken intuitiven Sinn. Sie verlassen sich viel mehr auf ihr Bauchgefühl, auf ihre Träume, als die Männer. Das ist eine kleine interessante Aussage über die nicht-bewusste Macht der Frauen. Besonders, weil im Buch die Frage der Vaterschaft und damit die der Autorität auch angesprochen werden, und die Frage, wer der Vater ist, bei den Mädchen-Figuren beider Romane immer offen bleibt. (Jedoch nicht, wer der Autor ist.) Nur die Mutterschaft scheint unbestritten zu sein.

In beiden Bändern spielt die Hauptfigur des Bildes „Ermordung des Commendatore“, der Commendatore, selber eine Rolle. Das geheimnisvolle Bild wirkt auf den Erzähler mysteriös: ihm erscheint der Commendatore verkörpert. Diese emblematische Figur, die sich eine Idee nennt, und an sich sehr komisch und seltsam ist (freilich: er ist aus einer anderen Welt) überschreitet die Grenze zwischen Fiktion und Realität und mischt sich in die Sachen der Betrachter des Gemäldes ein. Dafür unternimmt der Erzähler-Maler im zweiten Band eine Reise in der Welt des Bildes, wie in einer Unterwelt, da diese auch eine Reise in seinem Unterbewusstsein ist. Er überquert einen Fluss zwischen Sein und Nichtsein, redet mit einem gesichtslosen Fährmann, den er einmal später in seinem Leben noch porträtieren sollte. Er überlebt auf seinem Weg Schmerzen, Ängste, kämpft mit seinen Dämonen, und ihm erscheinen noch weitere Figuren aus dem Bild als Metapher.

„Im Nachhinein betrachtet, hatte meine Laufbahn als Maler mehr oder weniger damit angefangen, dass ich mir mit den Bildern etwas schuf, das ich in der Realiät nicht bekommen konnte, und sie mit geheimen Zeichen versah, damit andere es nicht erkannten“. S. 179-180

In „Die Ermordung des Commendatore“ I. und II. werden nicht nur Fiktion und Realität, sichtbar und unsichtbar ineinander gespielt, doch Vernunft und Intuition, körperliche und seelische Empfindungen, Normalität und Verrücktheit, bewusst und nicht-bewusst, väterliche und mütterliche Mächte. Die Grenzen zwischen diesen Begriffen verschwimmen mehr und mehr, und vielleicht ist dieses Verschwommensein das „etwas“, das der Erzähler aus seiner Geschichte lernt. Er behauptet zum Schluss, er hätte etwas gelernt. Seine Schlussfolgerung aus der Geschichte aber und das, was am Ende mit dem titelgebenden Bild passiert, haben allerdings sehr tragische Aussagen für die schöpferische Kraft. Und überhaupt, für Kunstwerke, die das Leben der Betrachter verändern können. Jedenfalls ist es bloß das Ende vom 2. Band. Ich könnte mir vorstellen, die Geschichte ginge weiter, da einige Fragen gerade nur aufgeworfen wurden.

Auf mich macht „Die Ermordung des Commendatore“ (I. und II.) den Eindruck, dass von ihm eine Serie wie die Star Wars, allerdings über die Macht der Kunst werden könnte. Der erste Band beschäftigt sich im Großen und Ganzen mit der künstlrischen Schaffung: Wie ein künstlerisches Werk – es muss nicht unbedingt Gemälde, darf auch Erzählung oder Oper sein – entsteht. Welche psychische, emotionale, atmosphärische, handwerkliche und mysteriöse Konstellation die Hervorbringung des Werkes begünstigen könnte. Der zweite Band bewandert meiner Meinung nach den Weg des Werkes: Inwiefern die Welt des Werkes (gleich ob Musikstück, Erzählung oder Kunstwerk) real oder fiktiv ist. Welche Wirkung es auf das Leben seines Verfassers oder seines Publikums hat, wie die Metaphern und Ideen, die es enthaltet zu deuten sind.

Zwar sind diese Fragen sehr abstrakt und tiefgründig, doch sie werden sehr amüsant und von einer sprachlichen Leichtigkeit zur Sprache gebracht. Schon aus dem Grund, dass der Erzähler inzwischen auch ganz alltägliche Sachen ausführlich anschneidet, wie die Bekleidung der Figuren, die Räume der Häuser, oder dass er sogar porno Szenen beschreibt (auch wenn sie nur im Traum stattfinden). Diese alltäglichen Umwege tragen zu der einladenden Atmosphäre der Romane bei. Marakami ruft wirklich räumliche, visuelle Empfindungen hervor.

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore II. Eine Metapher wandelt sich, 2017, Ü: Ursula Gräfe, Dumont Verlag, 2018

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