Tagesreisen zu Fuß

In seinem Roman Acht Berge stellt Paolo Cognetti das Leben im Hochgebirge dar, und verbindet die Liebe für den einen Berg, für den Monte Rosa, mit der Bedeutung der Freundschaft. Aber das Symbol der acht Berge, wie eine Erklärung für die Leidenschaft, immer neue Entdeckungen machen zu wollen, stammt aus Nepal.

Das Buch Gehen, ohne je den Gipfel zu besteigen erzählt seine einmonatige Wanderung im Himalaya, die er mit ein Paar Freunden in der Dolpo-Region, unweit der Grenze zu Tibet, aber noch in Nepal gemacht hat. In seinem Rücksack befindet sich das Buch Auf der Spur des Schneeleoparden von Peter Matthiessen, das der Autor vor 40 Jahren über seine Reise in Nepal geschrieben hat. Cognetti lässt sich von diesem Buch inspirieren, er legt fast den gleichen Weg zurück, wie der Amerikaner, und liest unterwegs sein Buch. Er hat Peter bei sich als Freund und geistlicher Reisebegleiter. Sein alter Freund ist mit ihm, Remigio, den er aus seinem Bergdorf bis dahin noch nicht entlocken konnte. noch ein Freund ist mit dabei, Nicola Magrin, dessen Bilder auf dem Umschlag Cognetti’s Bücher zu sehen sind, egal in welchem Land sie erscheinen, wie ich festgestellt habe. Die schönen Berge erlebten sie gemeinsam in Freundschaft. Was das bedeutet, darum geht es im Buch.

„Selbst wenn man nicht weiß, wonach sucht, ist ein Wildbach der beste Weg, dem man nur folgen kann. Er gibt unbeirrbar die Richtung vor, führt bis zu seiner Quelle, und während man zusehen kann, wie er immer klarer wird, spürt man, wie man nicht nur seiner, sondern auch der eigenen Läuterung entgegengeht.“ S. 31.

Cognetti schreibt aber kein Tagebuch, wenn etwas, dann viel mehr einen Bericht über die Hochebene, die Kälte, die Stille. Über die Bäume, die Tiere und die Menschen, die dort leben. Die Gruppe, mit Helfern und Maultieren, wandert auf einer Hochebene, die über 4000 Meter liegt. Sie schlafen meistens in Zelten, haben oft nur das eiskalte Wasser eines Baches, um sich sauber zu machen. Sie queren Pässe über 5000 Meter durch, manchmal wegen des Oxigenmangels in einem anderen Geisteszustand und körperlich auch überfordert. Auch ganz oben finden sie menschliche Kolonien, die dort unter den schwierigsten Umständen für das eigene Überleben sorgen. Sogar Schulen gibt es auf diesem Gebiet. Nur für den Winter ziehen diese einheimischen Menschen vor der Kälte in ein Dorf.

„Vier Tage zu Fuß, um den Bus zu nehmen. Drei um Verwandte zu begrüßen. Wir hatten mit dem Flugzeug zwölf Stunden von Europa bis Nepal gebraucht, doch jetzt, da ich hier war, kamen auch mir drei Tagesreisen zu Fuß ganz normal vor“. S. 105.

Gegen Bergdämonen wärmt sich Cognetti halbgläubig, halbsarkastisch beim Wacholderrauch, lauscht die Worte der Tibeter und lässt ihre Religion auf sich wirken, durch Symbolen, Gebetsmühlen und Gebetsfahnen.

Das Koan, das er während der Reise beschäftigt, laute: „Wer hat den Berg Kailash vom unberührten Gipfel des Kristallbergs aus gesehen?“

Ich glaube, dieses Buch geht auch darum, sich selbst, Antworte, oder sogar die Worte zu suchen, von dem geographisen Zuhause entfernt das Zuhause zu finden.

„In dieser Nacht las ich den Schneeleoparden zum zweiten Mal aus. Ich war in diesem Buch dermaßen zu Hause, dass es mir sofort fehlte.“ S. 88.

Paolo Cognetti: Gehen, ohne je den Gipfel zu besteigen. Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt, Penguin Verlag 2019 (2018)

Herzlichen dank für das Rezensionsexemplar.

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