Weibliche Perspektiven

Brüste und Eier eröffnet intensiv weibliche Perspektiven in Japan, die von Armut geprägt sind. Im Mittelpunkt des ersten Teils stehen drei Personen: eine alleinerziehende Frau, Makiko, ihre Tochter und Makikos Schwester, Natsuko, die die Ich-Erzählerin ist. Die zwei Schwestern wuchsen ohne Vater auf, haben keine richtige Ausbildung gemacht, sie mussten früh anfangen zu arbeiten. Und sind im Klaren, dass sie die Herausforderungen, die das Leben ihnen stellt, unmöglich meistern können.

Das ist für sie eine körperliche Erfahrung.

Makiko möchte zum Beispiel ihre Brüste vergrößern, hat zu diesem Ziel eine Klinik ausgewählt und schmiedet konkrete Pläne, obwohl eine Operation so viel kosten würde, dass davon ihre existenziellen Probleme mehrfach gelöst werden könnten, wie auch die schulische Zukunft ihrer Tochter. Natsuko schreibt, sie möchte Schriftstellerin werden. Es werden auch die Gedanken des pubertärenden Mädchens Makikos Tochter aufgezeigt, ihr Balacieren zwischen Kind- und Erwachsenensein und ihre komische Beziehung zu ihrem Körper. Aber auch zu ihrer Mutter. Midoriko heißt sie.

„Ich bin plötzlich in meinem Körper, und der Körper verändert sich, ständig und ohne mein Zutun. Warum kann mir das nicht einfach egal sein? Der Körper verändert sich weiter. Das ist düster.“ S. 72.

Diese Träume und Wünsche bilden die wesentlichen Erzählstränge im ersten Teil des Romans.

Makiko erzieht Midoriko alleine und hat ständig finanzielle Schwierigkeiten, wie auch schon ihre Mutter gehabt hat. Makiko scheint den gleichen Weg zu begehen, wie ihre Mutter, und unwillkürlich einem familiären Schema zu folgen. Midoriko ist in der seelischen-körperlichen Qual der Pubertät, sie spricht mit ihrer Mutter nicht, schämt sich für sie, zugleich bemitleidet sie. Beide nehmen ihre Gefühle sehr körperlich wahr und immerhin drücken sie diese aus, somit ist es für sie im trotz alledem warmen Familienkreis möglich, mit ihren Schwierigkeiten umzugehen.

Im zweiten Teil des Romans, nach einem Zeitsprung, verdient Natusko ihre Lebensunterhaltung als Schriftstellerin. Ihr Studiendarlehen ist gerade abbezahlt, und sie finanziert sogar das Studium ihrer Nichte. Wie eine Reportage baut sich die Erzählung auf. Natsuko trifft sich regelmäßig und redet mit ihren Bekannten: alten Kolleginnen, ihrer Lektorin, einer erfolgreichen Schriftstellerin, also Frauen, die ihre Geheimnisse, Enttäuschungen, Verletzungen erzählen. Wirklich eindrucksvolle und erschütternde Frauenschicksale falten sich aus. Familie als Institution, Literatur als Institution, Liebe, Sexualität werden in Frage gestellt und kontrovers diskutiert.

Natsuko als Erzählerin, hört ihren Gesprächpartnern immer hingegeben zu, allerdings als Schriftstellerin kommt sie mit ihrem Roman kaum weiter. Sie ist zwar zurückhaltend und rätselhaft, doch sie geht zum Schluss mit dem eigenen Problem (etwas, was sie als Defekt wahrnimmt) ebenso souverän um, wie mit dem von anderen. Der Konflikt ihrer Geschichte von Anfang an ist: Sie möchte ein Kind, obwohl sie asexuell ist. Selbt Schriftstellerin zu werden und aus dem familiären Schema zu entkommen ist nicht so harte Nuss für sie, als lieben zu können, so wie sie kann.

„»Okay. Und er? Weiß er, wann das Baby zur Welt kommt? Termin und so?«, fragte sie und linste mir ins Gesicht. »Dein… Der Vater des Kindes.«“ S. 468.

Nicht nur Menschen sind unterschiedlich, auch Beziehungen. Bücher fordern, formen und feiern, meiner Meinung nach, die Freiheit, Unterschiedlichkeiten akzeptieren zu können. Brüste und eier zeigt letztendlich nicht nur weibliche Perspektiven auf Es wirft gegenwärtige gesellschaftliche und menschliche Probleme auf, und dabei bietet alle Schattierungen zwischen schwarz und weis auf, stellt auch Szenen aus dem Leben voller Komik oder Tragik dar.

Mieko Kawakami: Brüste und Eier (2019), Ü: Katja Busson, Dumont Verlag, 2020

Herzlichen Dank für das Rezensionsexemplar!

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