Der Himmel öffnet sich nicht

„Vernon ist im letzten Jahrhundert stecken geblieben, als man sich noch Mühe gab, so zu tun, als wäre Sein wichtiger als Haben. Und das war nicht immer geheuchelt.“ S. 98.

Die Erzählerstimme wechselt zwischen den Perspektiven der Figuren, macht deshalb ihre Gedanken und Beweggründe lesbar, doch lässt sie auch aus einem Abstand des nüchternen Betrachters zu sehen. Also sie zeigt all ihre kühnen, desillusionierten Aussagen über einander und über ihre gesichtslose Umwelt, außerdem als allwissender Erzähler stellt zugleich sie selbst mittendrin dar. Das macht ihre Sichtweisen und Behauptungen grotesk, sogar lächerlich.

Eine in Scherben zerfallene Welt mit verbitterten Aussagen, wie zum Beispiel:


„In seiner Jugend erwartete man von den Kindern, dass sie soziale Wesen werden, fähig zur Anteilnahme. Dass sie zum Beispiel mit Emphatie auf Äußerung von Trauer beim Gesprächspartner reagieren. Wenn jemand intelligent war, begriff er sehr früh, dass sich die Bekundung von Anteilnahme bezahlt machte, vor allem, wenn man etwas von jemandem wollte. Aber inzwischen gibt es Facebook, und die Generation der Dreißigjährigen besteht aus egozentrischen Psychopathen an der Grenze zur Demenz. Brutaler Ehrgeiz, frei von jedem Gedanken an Legitimität.“ S. 109.

… meint der Filmemacher in seinen Fünfzigern. Bitte, nimmt diese Aussage niemand persönlich! Sie ist schräg.

Das Leben des Vernon Subutex spielt in einer bizarren Paris. Guter Sex über alles. Extase. Hauptsache: das Leben genießen.

„Eine lange Terrasse vor der obersten Etage. Die Dächer von Paris, so weit das Auge reicht, in allen denkbaren Grautönen, der Himmel öffnet sich nicht, das Tageslicht sieht man nur ein paar Stunden. Als hätte jemand einen riesigen Deckel über die Stadt gestülpt.“ S. 214.

Hier findet dann eine Discoparty statt, wo Vernon sich als DJ rühmt.

Virginie Despentes übt scharfe Kritik an unserer Gesellschaft, malt dabei tatsächlich schöne Szenen. Hier tanzt eine Frau:


„Ihre Handgelenke knicken um, sie greift um die Luft, reckt die Finger nach jeder Note, dann hinter den Nacken, macht in Hüfthöhe eine Bewegung, als ließe sie etwas zu Boden fallen. Tostaky. Die atemberaubende Schönheit dieses französischen Sängers – am meisten Latin von allem. Crescendo trommeln ihre Absätze auf dem Boden, ganz leise – in Paris hält man sich zurück, selbst wenn man tanzt, man sucht nicht nach Trance, man denkt daran, zu lächeln.“ S. 235

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Kiepenheuer & Witsch 2017 [2015]

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