Der Lob der Selbstentwicklung

Ich schätze Murakami‘s Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede hoch. Es ist ein autobiographisches Buch, in dem das Laufen als Metapher fürs Schreiben dient. Murakami gibt preis, wie oft, wie viel, warum, wo er läuft, es bleiben keine Daten und Details verschwiegen. Er erzählt, wie er Langstreckenläufer und wie er Schriftsteller geworden ist, und wie die beiden mit einander zusammenhängen. Was ihm das tägliche Lauftraining über das Schreiben lehrt, warum das Schreiben eine körperliche Belastung ist. Er lässt einiges über Einsamkeit und Älterwerden verstehen.

Lauftraining ist Entwicklung. Mit der Zeit braucht nämlich der Läufer weniger Zeit für die gleiche Strecke, und wenn es nicht mehr schneller geht, dann entwickeln sich doch Fähigkeiten weiter, die weniger messbar sind. Interessant ist, dass je mehr Freude Murakami das einsame Laufen macht, desto mehr leidet er während Laufwettbewerbe, öffentlicher Marathonrennen – in Griechenland, in Japan oder in New York. Aber das Leiden gehöre dazu. Er veranschaulicht, wie verschieden das Laufen nach seinen Aufenthaltsorten ist: in Hawaii, in Cambridge, Massachusetts, in Tokio oder in seinem Wohnort auf dem landschaftlichen Japan – bei diesen Episoden zeigt sich, wie atmosphärisch seine Beschreibungen sein können.

Als Hörbuch habe ich die Lesung von Frank Arnold genossen. Diese entspricht der ruhigen, besonnenen Ausdrucksweise, der bescheidenen Attitüde des Schriftstellers. Murakami stellt sich selbst bescheiden vor, ein wenig, wie er seine Romanfiguren darstellt: Er sei kein Besonderer, nur ein durchschnittlicher Charakter ohne Größenwahn. Eher als ein Gegenbeispiel zu jeglicher Existenz einer Hybris. Das bedeutet auch, dass sein Selbst- und Menschenbild die Affirmation und der Lob der Selbstentwicklung ist.

Haruki Murakami: Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede. Aus dem Japanischen Ursula Gräfe. Gelesen von Frank Arnold 2008 (2007)

Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki schildert eine schöne und fruchtbare Freundschaft zwischen vier Jugendlichen. Sie verbringen nicht nur viel Zeit gemeinsam, sondern führen praktisch und moralisch wertvolle Tätigkeiten durch, die sie alleine nicht könnten. So funktioniert theoretisch eine wunderbare, mehr noch: traumhafte Freundschaft. Zwei Jungen und zwei Mädchen und Tazaki bilden diesen Freundeskreis. Vier tragen in ihren Namen jeweils eine Farbe: Rot, Blau, Weiß und Schwarz, Tazaki aber keine. Aus Tazakis Sicht haben alle bunte Tugenden, nur er ist durchschnittlich. Nur er hat keine Berufung, außer, dass er sehr gerne Eisenbahnen hat. Die vier farbigen verlassen aber auf einmal den farblosen Tazaki, dessen Leben ab diesem Zeitpunkt im weiteren Sinne bis zum Selbstverachtung farblos wird. Viele Jahre vergehen, bis Tazaki sich auf den Pilgerweg macht und seine alten Freunde aufsucht, um den Grund für seine Ausgeschlossenheit zu erfahren. Obgleich dieser Weg noch schmerzhafter sein könnte als das Nichtwissen. Denn, wie ein schwarzer Schatten am Ende des Tunnels, wartet auf ihn eine verwirrende Mitteilung: Jemand, der ihn eines Verbrechens beschuldigt hat, ist ermordet worden, und niemand weiß, warum, und wer der Mörder war.

Die Erklärung für sein Leiden findet er dadurch, dass er sich den Sachen stellt, über die man schon gar nicht wissen möchte. Oder mit denen nichts zu tun haben möchte. Murakami vermischt gern Träume und Realität. Er schildert seine Figuren öfters in einem Ausnahmezustand, und das dient in seinen Geschichten als Triebfeder zu den Handlungen: Seine Protagonisten müssen mit Sachen umgehen, über die sie besser nicht wissen sollten oder wollen. Zum Beispiel: Was für Auswirkungen hat das Nichtbewusste einzelner Menschen auf das Leben anderer? Murakami bringt mich zum Nachdenken, ob auch die schönsten Träume über die Freundschaft, die man hegt, vielleicht tiefe Abgründe der Seelen, wie z.B. vergrabene Triebe und damit verbundene Schuldgefühle, eröffnen könnten, über die man nicht wissen will.

Frage:

Beim Urteilen von hochgelobten Romanen bin ich etwas strenger. Ich fand Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki langatmig und farblos. Hatte ich zu große Erwartungen? Oder meint ihr, dass ich etwas verpasst habe? Was macht dieses Buch bei euch beliebt?

Haruki Murakami: Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. Aus dem Japanischen Ursula Gräfe, Dumont Verlag 2014 (2013)

Sein deutscher Verlag über Haruki Murakami:

Haruki Murakami, 1949 in Kyoto geboren, lebte längere Zeit in den USA und in Europa und ist der gefeierte und mit höchsten Literaturpreisen ausgezeichnete Autor zahlreicher Romane und Erzählungen. Sein Werk erscheint in deutscher Übersetzung bei DuMont. Zuletzt erschien der Roman ›Die Ermordung des Commendatore‹, Band 1 und 2 (2018) sowie ›Die Chroniken des Aufziehvogels‹ (Neuübersetzung 2020).

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