Ja, der Schnee auf dem Kilimandscharo

Hemingway gilt als einer der herausragendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, und gerade in seinen Erzählungen soll sich seine Erzählkunst herauskristallisieren. In seinen ausgewählten Storys in diesem Band fokussiert er zunächst eine Momentaufnahme. Darin schildert er dann ganze Lebensgeschichten, existenzielle Dramen, in denen Blut vergossen, Gefahren überstanden, Ängste und Schicksalschläge besiegt oder eingesteckt, Geld, Ansehen und Frauen gewonnen und verloren werden.

In der letzten von den zehn Kurzgeschichten des Buches, „Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber“, wird bei der Löwenjagd die blutgierige, instinktgesteuerte menschliche Natur und dabei die verdorbene Beziehung zwischen Mann und Frau im grotesken Licht dargestellt.

„Aber dieser Macomber war ein komischer Kauz. Und was für einer. Und seine Frau. Na ja, die Frau. Ja, die Frau. Hm, die Frau. Aber gut, das war erledigt. Er drehte sich zu ihnen um. Macomber machte ein grimmiges, wütendes Gesicht. Margot lächelte ihm zu.“ S. 206.

Hemingway schlüpft in die Rolle seiner Figuren hinein, um ein Haar vollständig und irreversible. Er nimmt sogar die Empfindungen des Löwen wahr:

„Benommen, verwundet, vollgefressen schwankend trabte er auf seinen großen Pfoten zwischen den Bäumen hindurch auf das hohe Gras und die Deckung zu, als das Krachen noch einmal kam und dicht neben ihm die Luft zerriss. Wieder krachte es, und er spürte einen Schlag seine unteren Rippen treffen und tief eindringen, und plötzlich heiß schäumendes Blut im Maul, galoppierte er auf das hohe Gras zu, wo er sich ducken und unsichtbar machen und sie dazu bringen konnte, mit dem krachenden Ding so nah heranzukommen, dass er sich auf den Mann stürzen konnte, der es hielt.“ S. 191.

In der berühmtesten Kurzgeschichte, „Schnee auf dem Kilimandscharo“ geht es um einen Schriftsteller, der im Sterben liegt und die Hoffnung um seine Rettung allmählich aufgibt. In der flimmernden afrikanischen Hitze sieht der „verfaulte Poet“ vor sich – wie Träume – wahre Geschichten, die er früher erlebt hatte, und die er dann geschrieben hätte, wenn er seine teure Lebenszeit nicht damit verbracht hätte für den Moment, im Hier und Jetzt, zu leben.

„Jetzt würde er nie mehr die Dinge schreiben, die zu schreiben er sich aufgespart hatte, bis er genug wusste um sie gut zu schreiben. Nun, so konnte er auch nicht scheitern bei dem Versuch, sie zu schreiben. “ S. 10.

Aber Hemingway entwirft auch diese wahren Geschichten, in ihrer Unvollständigkeit und Bruchstückhaftigkeit, als kleinere Storys in der symbolisch beladenen Rahmengeschichte, und zum Schluss das sürreale Ankommen am breiten Gipfel des Kilimandscharo.

All seine Geschichten haben diese Tiefe, auch wenn sie nicht immer so emblematisch sind. Ich fühle mich beim Lesen sofort mittendrin, ab dem ersten Satz seiner Erzählungen, bis zum Ende bin ich gespannt mit dabei, bin emotioneller Teil der Geschehnisse. Hemingway braucht dazu die Figuren und die Kulissen nicht sehr detailliert zu beschreiben. Es reichen schön und pointiert gezeichnete Eindrücke. Vielmehr tragen zur Spannung und Glaubwürdigkeit die Handlungen und die Gespräche der Figuren bei. Er lässt seine Figuren handeln und erschafft mithilfe der Dialoge lebendige Situationen. Für unsere Ära erscheinen seine Erzählungen vielleicht langsam und erfordern langsames Lesen.

Ernest Hemingway: Schnee auf Kilimandscharo, Storys. Aus dem Englischen von Werner Schmitz, Rowohlt, 2015 (1939)

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