Durch das Loch des Kunstwerkes die Welt erblicken

„Fürchte nicht vor Sonnenglut, noch des Winters grimmen Hohn!“, wird in der Mitte des Buches Winter von Ali Smith aus Shakespeares Cymbeline zitiert. Das ist die Szene, in der für die Königstochter Imogen ihre Brüder, weil sie sie für tot halten, ein Trauerlied singen. Dann wird im Roman weiter über Cymbeline gesprochen:

„Ein Stück über ein Königreich, das in Chaos, Lügen, Machtgeschacher und Uneinigkeit versinkt, samt etlichen Vergiftungen, sagt seine Mutter.

In dem jeder vorgibt, jemand anders oder etwas anderes zu sein, sagt Lux.“

S. 197.

Eben das gilt auch für den Roman Winter. Das Shakespeare-Stück ist der Grund, warum Lux nach England gekommen ist, um hier zu studieren. Ein England, wo alles, wie auch in Cymbeline, wieder ins Lot kommen könnte und sollte. Wo die Lügen aufgeklärt und die Verluste ausgeglichen werden sollten.

Lux lernen wir kurz vor Weihnachten kennen. Sie sitzt seit Stunden in einem Bushäuschen in London und liest aufmerksam die Speisekarte eines Take-away. Sie könnte aus einem Dickens-Roman stammen. Es sind finstere Zeiten, wie auch im ersten Band des Jaheszeitenquartetts von Ali Smith, im Herbst.

Arthur, der mit seiner Freundin einen grausamen Streit gehabt hatte, stellt Lux an, damit sie mit ihm für drei Tage zu seiner Mutter nach Cornwall fährt und so tut, als sei sie seine Freundin. Sophia, seine Mutter, hat aber für die Weihnachtstage nichts vorbereitet. Am Heiligabend, nachdem die jungen Menschen, Arthur und Lux, Sophia in einem schrecklichen geistlichen und körperlichen Zustand vorgefunden haben, rufen sie Sophias Schwester, Iris an, die mit einem Korb gesunden Essens kommt. Sie verbringen zu viert die Feiertage in dem Haus, das „Chei Bres“ heißt, was auf Cornisch „Seelenheim“ bedeutet.

Sophia ist eine vernünftige Finanzfrau, die aus Iris Sicht immer vorteilhaft und ohne moralische Bedenken handelt. Iris hingegen ist eine Weltverbesserin und Aktivistin, aus Sophias Sicht eine Idealistin. Die alten Damen, die Schwestern, zanken mit einander, sie vertreten zwei politisch gegenüberstehende Ideologien, die das heutige England prägen, und auch der Brexit-Abstimmung zugrunde liegen. Zwar streiten sie, aber am Ende des Buches bringen sie zum Ausdruck: das ist halb so schlimm. Sie weisen auf Scrooge aus A Christmas Carol hin:

„wir sind eine glückliche Generation, Philo, weil wir all diese Sommer des Zorns hatten, all die starken Gefühle, die Sommer mit so viel Liebe, sagt Iris.

Stimmt, sagt seine Mutter.

Ihre Generation dagegen, sagt Iris. Der Sommer von Scrooge. Und der Winter von Scrooge, und der Frühling und der Herbst.“ S. 294.

Die heutige Generation sei kalt, gleichgültig und geizig.

Sophia und Arthur erleben allerdings einen Zusammenbruch. Am Anfang des Buches sind sie keineswegs liebenswürdig dargestellt. Sie sind kalt und gefühllos. Sophia bekommt es bei einer Sehkraftuntersuchung subtil formuliert:

„Sie wollen andeuten, ich wäre mit geschlossenen Augen durchs Leben gegangen oder hätte versäumt, sie umfassend zu nutzen?, sagt Sophia.

Ja genau, stimmt, sagt die Optikerin“ S. 22.

Allmählich werden im Buch Erinnerungen wachgerufen, die erklären, wie Sophia und Arthur dazu geworden sind, wer sie sind. Sogar Sophia hatte auch mal in ihrer Jugend ein wunderschönes Weihnachten erlebt.

In der ersten Hälfte des Buches scheint die Stimmung der Weihnachtstage nicht mehr zu retten. Aber sie wird eben von Lux gerettet. (Der Name Lux ist unisex und bedeutet seiner lateinischen Ursprung nach Licht, für die älteren Protagonisten des Romans bedeutet er aber auch Seifenflöckchen. Es schwingt mit, dass Lux auch männlich sein könnte). Lux erzählt die Geschichte des Shakespeare-Stücks am ersten Weihnachtsabend, in der Mitte des Romans Winter. Wenn man Cymbeline aufschlägt, sieht: die Brüder nennen Imogen Vöglein und Lilie. Lux ist in Winter auch wie ein Vöglein oder wie eine Blume (so bleibt sie in Arthurs Erinnerung) so zart und verletzlich, sie ist wie ein Engelchen rein (ausdrücklich: sie wäscht nachts ihre Klamotten), sie sorgt für moralische Reinigung und seelisches Licht. In der Literatur, wie in A Christmas Carol, passieren Wunder.

Zwar bestreitet der Roman Winter die christliche Tradition, doch er bietet die christliche Weihnachtsgechichte neu dar. Lux (später auch Arthur) schläft zum Beispiel in der Scheune, wohin sie von einer verbitterten, gebrochenen Sophia zurückgewiesen wird. Das Buch gibt der Selbstveränderung und Vergebung Raum. Auch andere Geschichten sind eingewoben: die von Charlie Chaplin, der an Weihnachten gestorben ist, und die von Barbara Hepworth, einer Bildhauerin, die Cornwall sehr geliebt hatte. Ihre runden Kunstwerke weisen meist ein Loch in der Mitte auf, wie auch Weihnachtskränze (darauf spielt Ali Smith an) durch die man die Welt sehen soll.

Ali Smith: Winter. Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. Luchterhand 2020

Herzlichen Dank an dem Verlag für das Rezensionsexemplar!

Leseprobe

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