Um wirklich gesehen zu werden, musste sie unsichtbar sein.

„Frauen haben oft länger gebraucht als Männer, um in der Kunstszene Fuß zu fassen.“ S. 98.

behauptet eine Kunstwissenschaftlerin in Siri Husvedts Roman. Sie bezieht sich auf Alice Neel, Louise Bourgeois, Joan Mitchell, Eva Hesse, Lee Krasner.

Siri Hustvedt erfindet eine Künstlerin, die diese These fiktional, wissenschaftlich und hypothetisch zu umkreisen. Was würde passieren, wenn das gleiche, übrigens hochinteressante Werk nicht von einer Künstlerin, sondern von einem jungen, viel versprechenden, oder von einem charismatischen (narzisstischen) Mann erschaffen worden wäre?

„Interessant ist, dass zwar nicht alle, aber doch viele Frauen erst gefeiert wurden, als ihre Tage als begehrenswerte Sexualobjekte vorüber waren.“ S. 99

Eine begabte Installation-Künstlerin, namens Harriet (Harry) Burden, sucht Anerkennung und wird immer wieder enttäuscht. Nachdem ihr Ehemann, ein namhafter Galerist, gestorben ist, fängt sie ein kühnes Projekt an: Sie versteckt sich als Person hinter Strohmänner, männliche Künstler, um das Publikum auf ihre neuen Arbeiten aufmerksam zu machen. Sie will demnach die Arbeiten anders verpacken. Ein Projekt, das dem Publikum, und ihren Vorurteilen den Spiegel vorhalten würde.

„Hatte es je ein Kunstwerk gegeben, das nicht mit den Erwartungen und Vorurteilen der Betrachter, Leser oder Hörer aufgeladen war, egal, wie gebildet und kultiviert sie sein mochten?“ S. 150.
„Leute sehen Dinge direkt vor ihren Augen nicht, wenn sie ihnen keine Aufmerksamkeit schenken.“ „Um wirklich gesehen zu werden, musste Harry unsichtbar sein.“ S. 186.

Hustvedt stellt ihren Roman aus Notizbüchern der Künstlerin, Interviews und schriftlichen Äußerungen zusammen, aber sie selbst versteckt sich hinter der Maske einer fiktiven Biografin.

„Die Griechen wussten, dass die Maske im Theater keine Verkleidung ist, sondern ein Mittel der Enthüllung.“ S. 85.

Hustvedt’s Figuren, Dichter, Künstler, sind sprachlich vielfältig dargestellt, mit viel Empathie und Witz. Sie sind verschieden, von selbstironisch bis unreflektiert. Ich mag sehr Harry’s zweiten Strohmann, Phineas Q. Elridge. Ein wirklich wunderbar gutmütiger und anpassungsfähiger Charakter, mit dem sowohl die Mitarbeit als auch das Ergebnis bereichernd und traumhaft sind. Die fiktiven Werke, die im Roman entstehen und lebendig beschrieben werden, sind richtig fantasievoll. Hustvedt schildert die zwischenmenschlichen Beziehungen feinfühlig, sie zeigt die Welt, wie immer, aus verschiedenen Perspektiven, so auch aus der weiblichen.


Siri Hustvedt: Die gleißende Welt. Aus dem Englischen von Uli Aumüller, Rohwohlt 2015 (2014)

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s