Kindliche Unschuld

Dieser dünne Band beinhaltet neun – mal längere, mal kürzere – Erzählungen, die zwar in der Gegenwart spielen, irgendwann in den letzten 30 Jahren, in einer ganz konkreten Jetztzeit in Deutschland. Doch wir befinden uns beim Lesen in einer verzauberten Welt. Diese Wirklichkeit wird von einer märchenhaften oder surrealistischen Brise durchflutet, die die Leser verunsichert, ob sie tatsächlich mit der Wirklichkeit konfrontiert werden, wie es auf den ersten Blick scheint. Oder ist das eine verspielte Realität? Denn eine offensichtliche Phantasiewelt ist es auch nicht.

Die Geschichten kommen leichtfüßig daher, die Dialogen sind aus dem wahren Leben geschnitten, sie scheinen niemals konstruiert zu sein. Zwischen den Sätzen schweben ein Hauch von Komik und ein Hauch von Tragik, als ob der Ausgang der Geschichten sowohl komisch als auch tragisch sein könnte. Als ob die Leser am Ende in Lachen ausbrechen oder aber ebenso schaudern könnten. Obwohl das Ende so harmlos und unschuldig bleiben könnte, wie der Beginn gewesen ist. Kommt es überhaupt zu einer Wendung zum Schluss?

Ein Schriftsteller fällt im Wald in eine Falle. Er wird von einem fremden Menschen, vielleicht von einem Förster gefunden, doch ob gerettet oder wie ein Tier mitgeschleppt, bleibt unklar. Ein Paar Zeilen aus der Erzählung Südlich der Katalaunischen Felder:

„Das nächste, was ihm begegnete, war eine moosbewachsene Rastbank, die sinnierend neben einer Informationstafel stand. Worüber sie wohl nachdachte? Elmar überließ die Bank ihren Grübeleien und besah sich die Tafel.“ S. 70.

Ein Marl (ein großes Haustier, wie ein Hund) wird tot aufgefunden und begraben. Doch er kehrt zu seinem Herrchen zurück, einem Schulkind, das die Geschichte erzählt. Was ist eigentlich ein Marl? Diese Frage beantwortet jeder für sich. Zwischenhalt Erde:

„»Wo warst du denn?«, fragte ich. Da öffnete es langsam die Augen. Ich glaubte, darin einen violetten Schimmer zu sehen, ein Leuchten, wie von einer fernen, fliehenden Galaxie. Und mir wurde klar, dass ich niemals ganz sicher sein konnte, wen genau ich da vor mir hatte.“ S. 38.

Auf dem Spiel stehen die kindliche Gutgläubigkeit und Unschuld. Die Umwelt ist unberechenbar. Ist sie feindlich oder aber freundlich? Können wir mit unserer Umwelt gutgläubig umgehen oder sollen wir ständig Bosheit und Betrug wittern, sonst spielen wir mit dem Feuer? Wann und warum verliert der Mensch dabei seine kindliche Unschuld?

„Zwischenhalt Erde“ ist Martin Knuth’s sehr gelungenes Debüt. Seine Erzählungen definieren neu, was in diesem Genre möglich ist, also was eine gute Erzählung überhaupt ausmacht.

Martin Knuth: Zwischenhalt Erde, Raniser Debüt, Lese-Zeichen e.V. 2020

Herzlichen Dank für das Rezensionsexemplar!

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