Wahrhaftig und spektakulär

„Ich will nicht, wie das Hotel, in dem ich zu Gast bin, oder wie der Kontinent, nach dem es benannt wurde, zu dem Schluss kommen müssen, dass meine Zeit hinter mir liegt und mir in Zukunft nicht mehr bleiben wird, als mein Heil in der Vergangenheit zu suchen.“ S. 52.

Im Grand Hotel Europa angekommen, sinniert der Erzähler, der berühmte Schriftsteller, über seine Liebe zu der Frau, mit der er in Venedig gelebt hat. Er beschreibt das Hotel und Venedig so bunt und detailreich, dass wir sie auch dann nicht lebendiger wahrnehmen könnten, wenn wir körperlich präsent seien. Das Hotel ist eine Metapher für Europa, und hier begegnet der Erzähler-Protagonist großformatige Persönlichkeiten, mit denen er sich über die dringenden Problemen und die Bedeutung des Kontinents auseinandersetzt.

„Der Tourismus bildet einen unangenehmen Gegensatz zu einer anderen Migrationsform, die durch die Globalisierung ausgelöst wurde und die wir unverhohlen für problematisch halten. Einerseits öffnen wir die Grenzen äußerst gastfreundlich für die Ausländer, die bei uns Geld ausgeben wollen, andererseits schließen wir sie für jene Ausländer, die bei uns Geld verdienen wollen.“ S. 110-111.

Der Erzähler-Protagonist des Romans „Grand Hotel Europa“ ist nun der (fiktional-reale) Autor, Ilja Leonard Pfeijffer. Das stimmt die Lektüre etwas merkwürdig. Würde ich den Roman als Autobiografie lesen, wäre es an einigen Stellen zu intim. Der Erzähler gibt seine Träume und Gedanken, also sein Nicht-Bewusstes und Bewusstes, dermaßen preis, dass eine Identifikation mit einer realen Person diese verletzbar und angreifbar machen würde. Ein Roman ist aber niemals Bekennerschreiben. Auch wenn Ilja Leonard Pfeijffer tatsächlich in Genua lebt, und belesen in der klassischen griechischen Sprache und Literatur ist, außerdem Gedichte und Romane schreibt, so wie das im Roman geschildert wird; auch wenn der Erzähler immer wieder Notizen macht, nämlich dass er die Geschehnissen, die er gerade eben erlebt, in den Roman aufnehmen will, bleibt der Roman doch gattungsbedingt fiktiv.

Und auch diese Fiktionalität wird im „Grand Hotel Europa“ mit intertextuellen Zusammenhängen und Anspielungen untermauert. Zusammenhänge mit Werken und Anspielungen an Werke der europäische Literatur und Kultur durch sowohl die Struktur des Erzählens als auch direkte Erwähnung (Thomas Mann: Zauberberg, Vergil: Aeneis), durch vielsagende Namen (Clio heißt zum Beispiel seine Freundin, die Kunsthistorikerin ist, und Caravaggios Lebensgeschichte forscht; Clio ist in der griechischen Mythologie die Muse der Heldendichtung und Geschichtsschreibung).

[Weil] „die Grenzen zwischen echt und falsch, Tatsache und Erfundenem, Realität und Fantasie, Wirklichkeit und Imagination immer fließender werden.“ S. 111

Das Buch stellt das Grand Hotel Europa so dar, als ob es ebenso spektakulär wie wahrhaftig wäre. Zwar geht es um den Untergang des Abendlandes, doch die Stimmung wird nicht nostalgisch, denn sie wird vom selbstreflexiven, selbstironischen Stil des Romans geprägt. Packende Geschichten berichten zum Beispiel über die Flucht von Abdul, dem jungen Pagen des Hotels durch die Wüste und über das Meer, über die versinkende Stadt Venedig, über einen geplanten Film, der Ilja Leonard Pfeijffer bzw. seine Ansichten über Massentourismus vorstellen soll, über Caravaggio. Einige Geschichten werden mit viel Humor andere eben mit viel Empathie erzählt.

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa. Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm, Piper 2020

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Ein Kommentar Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s