Die Regel der Kosmologie

Bestimmte Sterne, vielleicht Venus und Jupiter, sind seit November in einer Konstellation, die auswirkt, dass ich Bücher lese, in denen „Der Zauberberg“ und jeweils ein Hotel (Grand Hotel Europa, Der Chauffeur) eine große Rolle spielen, außerdem die Hündin Laika (Ali Smith: Winter, Der Chauffeur) vorkommt.

„Der Zauberberg“ wird im „Der Chauffeur“ von einem 10 Jährigen Zwillingspaar begeistert gelesen, genauer gesagt auf ihren Wunsch wird der Roman abends beim ins Bett Gehen vorgelesen. Später wollen die Zwillinge dann in einem Sanatorium leben, und auch dieser Wunsch bleibt nicht unerfüllt. Das Vorlesen beginnt immerhin in einem Glashaus am Waldrand in Deutschland, wo die Kinder die Sommerferien verbringen. Dieses Glashaus, das ehemalige Atelier eines Malers, ein helle, gläserne, auf eine schmale steinerne Umrandung aufgesetzte Häuschen steht neben dem Hotel „Die kleine Nacht“. Dieses wird einfallsreich ausgestattet von dem Chauffeur, Paul Klee, und seiner Partnerin, Inoue, der Mutter der Zwillinge: mit einer Hotelbar, in dem sich ein Meereswasseraquarium befindet. Außerdem mit einem Garten, darin ein mit Salzwasser gefülltes Pool. Paul Klee kann vielleicht für mainstreamig gehalten werden, doch nicht Inoue. Sie beschäftigt sich wissenschaftlich mit der Mathematik. Sie studierte auch Religion und wurde von japanischen Eltern großgezogen. Sie führt im Hotel zum Beispiel einen therapeutischen Kurs:

„Es handelte sich um eine spezielle Mischung aus Yoga und Tai-Chi, chiropraktischen Techniken und Meditation. Dazu hielt sie Vorträge in Mathematik. (…) Da war kaum jemand, der das verstand, natürlich nicht, aber offensichtlich besaßen auch diese Vorträge eine heilende Wirkung.“ S. 101.

Beim Steinfest ist nichts unmöglich. Seine Protagonisten sind souverän, manchmal eigenwillig, sie erschaffen tatsächlich die notwendigen Voraussetzungen, um ihre unkonventionellen, sogar abenteuerlichen Träume leben zu können. Das gilt auch für ihr Liebesleben. Sich Verlieben, Begehren, jedoch auch Leben und Tod treten bei diesem Autor nach den Regeln der Kosmologie und der Mathematik ein. Die Story ist sehr abwechslungsreich und spannend, sie wird nach und nach zu einer komischen Kriminalgeschichte. Paul Klee ermittelt aus freien Stücken einen verschwundenen Polizeikommissar, der selber auf eigene Faust einen ungelösten Mordfall ermittelt hatte, bevor er verschwand.

Zwischendurch handelt es von Literatur, Kunst und Mathematik.

„Er spürte Sarah Scheers Tränen. Sie berührten ihn in einer Weise, die ihn unweigerlich an die Stelle eines Gedichts von E.E. Cummings erinnerte. Worte, deren Sinn er nie verstanden hatte, aber restlos von deren Schönheit überzeugt gewesen war, und die er in diesem Moment, da sie wie eine gute Injektion in ihn einschlossen, als einen letzten großen Trost empfand. Einen, nach dem kein anderer Trost mehr kommen würde: »niemand, nicht einmal der regen, hat solch kleine hände«.

Paul Klee fühlte sich jetzt auf ungemein lebendige Weise tot.“ S. 181.

Heinrich Steinfest: Der Chauffeur, Piper, 2020

Herzlichen Dank für das Rezensionsexemplar!

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