Apokalyptische Vision

Die Protagonisten sind zwei ältere Paare, und ein komischer jüngerer Mann. Alle Intellektuelle, Uni-Professoren, eine Dichterin. Sie können mit einander offensichtlich nicht kommunizieren. Sie spinnen vielleicht, sie täuschen Gemeinsamkeit vor, aber keine Spur von Freundlichkeit und Wärme. Ihre Themen: Einstein über die schwarzen Löcher, über den dritten und vierten Krieg, über Jesus von Nazareth.

Dann passiert etwas. Die Bildschirme werden schwarz, die Maschinen stehen still. Es ist 2022, also die Gegenwart werdende Zukunft, doch für die Protagonisten könnte es auch 1980 oder 1990 sein, weil in ihrem Fall nicht die Ipads, Laptops, Handys, die sozialen Medien, also nicht die Digitalisierung wird betont, sondern die Maschinen, die plötzlich untergehen, die Fernsehen, die plötzlich nicht mehr berichten. Sie scheinen Menschen zu sein, die wie Maschinen funktionieren. Oder nicht funktionieren. Ohne Fernsehbericht wissen sie nichts zu sagen, sie fragen sich, wer sie sind.

Sie starren auf den schwarzen Bildschirm, sie reden mehr und mehr zusammenhanglos vor sich hin, hören einander nicht zu, versuchen auf einander zu reagieren, aber es gelingt kaum, wiederholen eingelernte Sätze statt nachzudenken und zu antworten, sie mimen Gespräch, wahres Zusammensein, sie versuchen verzweifelt zu erinnern.

Die Stille ist zwar ein Roman, aber die zentralen Themen werden essayistisch vorgetragen, während die Dialogen klingen wie im absurden Theater. Die Stimmung ist apokalyptisch:

„»(…)Sorry, ich bin gleich still. Aber dazu kommt, was wir alle noch frisch in Erinnerung haben, das Virus, die Seuche, die Märsche durch die Flughafen, die Masken, die entleerten Straßen der Städte.«

Tessa bemerkt die Stille, die ihre Pausen begleitet.

»Von dem einen schwarzen Bildschirm in dieser Wohnung bis zur Lage ringsum. Was passiert da? Sind unsere Gehirne digital überarbeitet worden? Sind wir Experiment, das zufällig gerade auseinanderbricht, ein Plan, den Kräfte außerhalb unserer Kalkulationen in Gang gesetzt haben? Diese Fragen werden nicht zum ersten Mal gestellt. Wissenschaftler haben sich dazu geäußert, mündlich, wie schriftlich, Physiker, Philosophen.«“ S. 84.

Don De Lillo (1936, New York City) wird als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller Amerikas bezeichnet, er ist ein wichtiger Vertreter des Postmodernism.

Don De Lillo: Die Stille. Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Herbert, Kiepemheuer & Witsch 2020

Herzlichen Dank für das Rezensionsexemplar!

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