Wie die Vögel fortfliegen

„Seide“ von Alessandro Baricco ist ein ganz außergewöhnlicher Roman. Er ist märchenhaft, poetisch, verzaubert, erotisch und geheimnisvoll. In ganz kurzen und bündigen Episoden erscheint ein französisches Dorf, in dem sich 1861 ein junger Mann auf den langen Weg nach Japan macht, um Seidenraupeneier zu kaufen. Etwas, was ihm zuvor noch niemand getan hat. Japan war damals jenseits des Endes der Welt in Augen der Europäer. Das Land hielt noch seine Toren vor Ausländern zugeschlossen, er war isoliert. Isoliert, unbekannt und exotisch.

Die Lektüre gibt keine direkten Einblicke in die Gedanken und Gefühle des Franzosen, sie lässt aber spüren, wie heftig die Japanreise seine Vorstellungskraft sprengt. Wie japanische Schriftzeichen, so bildhaft und fremdartig, uns in Staunen versetzen, auch wenn wir Japanisch nicht verstehen, so wirkt auf uns auch das metaphorische Stilmittel des Romans. Zum Beispiel die Hunderte von Vögel in einer riesigen Voliere, die den französischen Seidenhändler in Japan bezaubern. Dort, heißt es, öffnet man die Voliere eines Tages, wenn er etwas Schönes entdeckt, und sieht zu, wie die Vögel fortfliegen.

„Seide“ ist ein Roman über das Liebesglück für den Moment und für das Leben (beide mit einander verbunden und durch und durch imaginär).

„Hervé Joncour spürte, wie das Wasser über seinen Körper rann, erst über die Beine, dann die Arme entlang und über die Brust. Wasser wie Öl. Und ringsumher ein sonderbares Schweigen. Er spürte die Leichtigkeit eines Seidentuchs, das auf in herabsank. Und die Hände einer Frau – einer Frau – , die ihn abtrockneten und seine Haut liebkosten, überall: diese Hände und dieses aus nichts gesponnene Gewebe.“ S. 48.

Alessandro Baricco: Seide. [1996] Aus dem Italienischen von Karin Krieger Piper (1997)

Alessandro Baricco ist der Autor auch von „Novocento“, aus dem der Film gedreht wurde, den viele kennen: „Die Legende vom Ozeanpianisten“. Dieser Film machte mich auf den italienischen Schriftsteller aufmerksam.

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Art of Arkis sagt:

    Kenn das Büchle, ist sehr sehr schön zu lesen!

    Gefällt 1 Person

  2. piri ulbrich sagt:

    Wie oft ich dieses Buch schon verschenkt habe, kann ich gar nicht mehr sagen. Und wenn ich jetzt schreibe, dass ich es liebe, dann ist das nicht übertrieben!

    Gefällt 2 Personen

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