Wie marmoriertes Vorsatzpapier über dem Buch des Meeres

Inseln. Die Kartierung einer Sehnsucht ist eine Reise von Insel zu Insel, doch diese Reise ist keine Rundfahrt, die eine geographische Verbindungslinie verfolgt, sondern sie ist ein literarischer, philosophischer Gedankenweg. Gavin Francis, der Autor, von Beruf ein Arzt aus Edinburgh, führt die Leser durch diese persönliche Reise zwischen kleinen Inseln, um die Ursprünge der Sehnsucht nach einsamen Inseln gedanklich und geographisch zu verorten. Er beschreibt die naturgegebenen Schönheiten der Inseln, erzählt die charakteristischen Ereignisse ihrer Geschichten oder ihre literarischen Bezüge (zb. Die Schatzinsel, Robinson Crusoe).

Nach einem Aufenthalt in Kenia sehnte er nach Kühle, so besuchte er die arktische Inselgruppe der Lofoten. Dort erblickte er das Nordlicht: „Das Leuchten begann gerade, eine kleine Flamme aus grauem Dunst vor der Dunkelheit. Vom Gipfel der Klippe aus beobachteten wir, wie sie sich vervielfachte, aus dem Nichts heraufbeschworene grüne Säulen, die nur erblühten, um wieder zu verblassen. Eine Welle aus wirbelnden Licht stieg und fiel – wie marmoriertes Vorsatzpapier über dem Buch des Meeres. Meteoriten blitzten durch die Ionosphäre, und es gab einen Moment, in dem ich, hoch oben auf dem Kamm der Insel stehend, auf allen Seiten von Säulen aus graugrünen Licht umgeben war, die sich bis ins Unendliche erstreckten.“ S. 59

Eine Landschaft begreifen zu können sei doch eine Illusion. Wir suchen im Buch vergebens Bilder von diesen Orten, sondern es ist mit zahlreichen alten Landkarten illustriert. Denn das Buch ist, wie der Titel besagt, die Kartierung einer Sehnsucht. „[Karten von Inseln] laden die Betrachter dazu ein, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen, einen geträumten Umriss abzuschreiten.“ S.15

Die Pazifikinsel Chiloé in Chile, eine Landkarte aus 1670, mit freundlicher Genehmigung der Bibliotheca Nacional de Chile
Die Pazifikinsel Chiloé in Chile, eine Landkarte aus 1885, mit freundlicher Genehmigung der Bibliotheca Nacional de Chile

Eine einsame Insel bedeutet Freiheit und Isolation, Frieden und Gefangenschaft zugleich. Francis erzählt hierfür zum Beispiel Darwins Erkenntnis, dass die Galapagos-Finken ihre Vielfalt dank ihrer insulären Isolation entwickeln konnten. Die Frage ist immer aktuell: wie kann ein Mensch das Gleichgewicht zwischen den Freuden der Gesellschaft und Alleine-Sein, Verbundenheit und Isolation, Anhäufung von Erfahrungen und Leere zu finden.

Gavin Francis baut aus der Insel-Symbolik einen philosophischen-psychologischen Kosmos auf, denn auch Bücher betrachtet er als tragbare Inseln.

„Die Falklandinseln gelten manchen als Vorhölle (…) Ich wanderte zu einem der Strände hinaus; zum Glück war er von den Minen befreit worden, die argentinische Soldaten vor über zwanzig Jahren bei einer Rückzug hinterlassen hatten. Ich setzte mich in eine Mulde, nur wenige Handbreit von Eselspinguinen auf ihren Nestern entfernt, würgte den – von den Shetlandinseln vertrauten – Gestank von Guano herunter und wehrte Raubmöwen im Sturzflug ab. Gescheckte Commerson-Delfine spielten im seichten Wasser. Europa fühlte sich fern an, seine Geschichte dick wie der Staub in eine verlassenen Bibliothek.“ S. 95.

Gavin Francis: Inseln. Die Kartierung einer Sehnsucht. Aus dem englischen von Sofia Blind, Dumont 2021, Island Dreams. Mapping an Obsession 2020

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