Glauben an die Gerechtigkeit

Bärlach, der züricher Komissär, der im Kriminalroman „Der Richter und sein Henker“ eine Krebsdiagnose erhalten hat, befindet sich im Roman „Der Verdacht“ in der Klinik. Er ist noch schwach nach einer schwierigen Operation, doch gedanklich schon in einem neuen Fall verwickelt. Wenige Jahre nach dem Ende des Weltkrieges beschleicht ihn, liegend in seinem Krankenbett, der Verdacht, dass ein für tot gehaltener Mörder eines Vernichtungslagers sein Unwesen doch noch immer auf der Erde treibt. Ein Henker für Arzt, der seine Opfer ohne Narkose operierte.

„Es haftet dieser Gestalt, die ungezählte Opfer auf dem ruhigen Gewissen hat, etwas Legendenhaftes und Illegales an, als ob sich auch die Nazis ihrer geschämt hätten. Und doch lebte Nehle, und niemand hat je gezweifelt, dass er existierte, nicht einmal die ausgekochtesten Atheisten; denn an einem Gott, der die teuflischen Qualen ausheckt, glaubt man am schnellsten.“ S. 202

Das sagt Gulliver, der geheimnisvolle Jude, derjenige, der viele Leben gerettet hat. Er selbst gilt auch als tot, und nur so ist in der Lage, die Wahrheit zu enthüllen. Der andere moralische Pol dieser Geschichte. Woran glaubt ein Überlebender, und woran ein Kriegsverbrecher? Oder woran glaubt Bärlach, der todkrank ist? „Der Verdacht “ ist wie ein Drama aufgebaut, Bärlach führt lange Gespräche zum Beispiel mit dem Arzt, der ihn operiert hat, mit Gulliver oder mit dem Henker, der einmal der im Zitat genannte Nehle gewesen ist.

Dürrenmatt: Der Verdacht in: Friedrich Dürrenmatt: Die Kriminalromane, Diogenes 2011 (1951)

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