An die Hoffnung

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„Im Gespräch mit ihm habe ich begriffen, dass echte Hoffnung genau genommen entsteht, wenn man auf nichts hoffen darf.“ S. 61.

„Frühling“ ist der dritte Roman in der Reihenfolge des Jahreszeiten-Quartetts von der großartigen Ali Smith. Der Roman erzählt betont keine Geschichte und ist trotzdem voller Geschichten. Im „Frühling“ sind die Figuren liebenswürdig, auch wenn meist nicht mehr als nur Menschen mit Ecken und Kanten. Und unter ihnen taucht euch ein Mädchen auf, das mehr zu sein scheint als nur ein Mädchen. Vielleicht ein Engel. Wenn es um Hoffnung geht, braucht es ja auch Wunder.

Ich fand die Geschichte des jungen Fernsehregisseurs, Richard, original und fesselnd. Er verliebt sich in die viel ältere Paddy, eine Drehbuchautorin, die er für intelligenter hält als selbst, und an der er mit Leib und Seele hängt. Sie sind ein nettes Pärchen, die schon immer zusammen arbeiteten. Ihr Gesprächsthema an dem Wendepunkt ihrer Beziehung (ich verrate nicht in welchem Sinne) ist sehr aufregend: der Gedanke, dass Katherine Mansfield und Rainer Maria Rilke sich an ihrem Lebensabend in der Schweiz in einem Hotel getroffen hätten, ohne von einander zu wissen. Diese biographische-fantasievolle Episode ermöglicht der Autorin, auf die Werke von Rilke und Mansfield zurückzugreifen und in ihren Worten zu schwelgen.

„Katherine Mansfield, Herrgott, ein Drehbuch über Katherine Mansfield. Und Rilke. Giganten der Literatur. Mansfield und Rilke, selbe Zeit, selber Ort. Unglaublich. (…) Zwei scharfsinnige Geister steigen hinab ins Dunkel und loten aus, wie man über das Leben und den Tod sprechen soll. Und verwenden dabei bahnbrechende neue Formen.“ (Schwärmt Paddy.) S. 40.

Ali Smith weist auch auf eine interessante Künstlerin hin, Tacita Dean, indem sie ein paar ihrer Werke bildlich und sinnlich beschreibt. Sie gibt Stimme den Flüchtlingen, die in England in Abschiebezentren würdelos wie in einem Gefängnis leben.

Ich mag „Herbst“ noch immer am liebsten, weil dieser poetisch und stimmungsvoll ist, doch „Frühling“ hat mich auch sehr beeindruckt. Besonders, weil einige Stellen schienen narrative Brücken zu den anderen Romane des Quartetts Verbindungen aufzubauen. Und auch dieser Roman ist ironisch, wie auch schon sein Auftakt:

„Die Blütenknöpfe öffnen sich allerorten über dem illegal abgeladenen Müll.“ S. 16.

Ali Smith: Frühling. aus dem Englischen von Silvia Morawetz, Luchterhand 2021 (2019)

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

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