Der Zufriedenhai und das Leidenschaf

Gedichte erzeugen in dir das Gefühl der Festlichkeit, die den Moment erweitert. Sie bieten dir manchmal innere Ruhe, um über alles entspannt nachdenken zu können. Sie können aber auch Zündstoff sein. Sie geben dir oft einleuchtende Antworten, ohne Begründung und Argumentation. Die Gedichte von Helmut Krausser im Band „Glutnester“ sind mal festlich, mal ruhig, mal feurig, mal nachdenklich, doch immer auch schlicht und musikalisch wie ein Lied. Sie blitzen zum ersten Lesen gleich auf, weil sie rhythmisch und melodisch gut klingen. Doch diese Gedichte verstehen es, diesen anziehenden Klang elegant auszuspielen, und ganz oft mit Witz und Ironie, manchmal mit Melancholie zu kontrapunktieren.

„Glutnester suchen,

draußen in der Nacht,

mit der bloßen nackten

Hand aufnehmen, zum

Mund hinaufheben,

Luft reinpusten,

bis sie heller leuchten, bis

ich Feuer fange, brenne,

wieder Fackel bin und

zündeln kann.“ S. 10.

Was für schöner Umschlag!

Ein Gedicht kann so vieles sein, ein Lied, ein Spiel, ein Hund, eine kleine neugeborene Katze. Oder ein schelmisches Lächeln, wie das Gedicht mit dem Zufriedenhai und dem Leidenschaf.

„Ich döste in der Hängematte,

weil ich etwas vollendet hatte,

prompt schwamm der Zufriedenhai

gefährlich nah an mir vorbei.

Ich roch hinein in seinen Rachen,

nickte, wollte Pause machen,

abgehn in verdienten Schlaf.

Doch plötzlich kam das Leidenschaf

in voller Wolle durch die Tür (Auszug) S. 17.

Und manchmal geht es doch um ernstere Sachen. Einsamkeit, Vergänglichkeit, die Schönheit der Wälder und die Größe deren, die darüber schrieben oder Musik kompnierten. Wie im Sonett „Draußen unterm Vollmond wandern…“:

„Gibt es eine Einsamkeit,

sobald man der Vergangenheit

gedenkt? Was je geschah, geschieht

erneut, erzeugt ein Lied

auf Instrumenten, alt

wie Mond und Wald.“ (Auszug, S. 57.)

Wer würde doch nicht von solchen überirdischen Freuden träumen?

„Posthume Weisheit wäre,

wenn man in hundert Jahren

eine halbe Stunde sargfrei hätte,

zur Bibliothek rennen könnte,

um nachzusehen, ob – doch

lieber die Sonne genießt,

für eine überirdische

halbe Stunde.“ (S. 54.)

Helmut Krausser wurde 1964 in Esslingen geboren, lebt in Berlin. Er veröffentlichte zahlreiche Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Hörspiele und Gedichtbände.  Er arbeitet auch als Komponist. In seinen Gedichten kann man die Spuren seiner Musikliebe verfolgen.

Helmut Krausser: Glutnester. Gedichte, Berlin Verlag 2021

Herzlichen Dank an den Berlin Verlag für das Rezensionsexemplar!

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s