Ein findiger Kopf

Vor mehr als 10 Jahren habe ich meinen ersten Cheng-Roman gelesen („Ein dickes Fell“). Jetzt, durch die Lektüre des erst veröffentlichten Cheng-Romans, wollte ich nachvollziehen, wie er zu dem geworden ist, wer er ist: Der sympathische einarmige Detektiv. Irgendwie ein Gegenbild von jeglichem Detektiv, so ein Protest gegen jegliche Erwartung einem Menschen gegenüber, der in der Welt nach dem Bösen ermittelt und die Macht hat, die Spreu vom Weizen zu scheiden. Cheng ist ein Chineser in Wien, der perfektes Deutsch doch kein Chinesisch spricht. Seine vernünftige und vorurteilsfreie Perspektive ermöglicht es ihm immer im Bild zu sein, die Spuren des Mordens zu entdecken, und zu wissen, wie sich in der Story die Faden zu einem Muster verweben. Mehr aber auch nicht.

Ende Mai, wieder geöffnete Café-Terrasse am Morgen gegen 10 Uhr: Croissant und Kaffee

„Die Ankündigung eines letzten Mordes hatte sich nicht erfüllt, und Cheng begann langsam, die Sache zu vergessen und sich damit abzufinden, dass er über einen fremden Fuß gestolpert und mit dem Gesicht in einer dunklen, öligen Lache gelandet war, dabei die eine oder andere Verletzung davongetragen hatte und akzeptieren musste, dass da weit und breit kein Fuß mehr zu sehen war, dem er dafür die Schuld geben konnte, ganz abgesehen von dem Hirn, das so einen Fuß steuerte.“ S. 200

„Cheng. Sein erster Fall“ ist sprachlich komplex und deshalb ein Genuss als Lektüre. Der manchmal spektakuläre Satzbau und der findige Wortschatz macht mehr Spaß, als die Spannung, die die Kriminalgeschichte bietet. Zudem ist das Buch eine sarkastische Gesellschaftskritik, die ebenso scharf wie witzig ist. In diesem Roman verliert Cheng ganz viel und das ganz sinnlos. Er scheint, anders als in den späteren Romanen, eine unglückliche Figur zu sein, doch im Kern seines Wesens ist er schon hier ein Held, der auf dem Seil auch mit nur einem Arm balancieren kann. Er erkennt sofort wem er was zutrauen kann, und gewinnt das Vertrauen einiger Menschen auf Anhieb.

Heinrich Steinfest: Cheng. Sein erster Fall, Piper 2007, überarbeitete Ausgabe von Cheng: rabenschwarzer Roman um einen Wiener Chinesen. Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach 1999

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. piri sagt:

    Heinrich Steinfest – wohnt der nicht in Stuttgart? Und ich dachte Cheng würde auch dort ermitteln, so kann man sich täuschen.

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    1. Veronika sagt:

      Doch, er wohnt in Stuttgart, aber stammt aus Österreich, und er ist in Wien aufgewachsen. Das stimmt auch, dass Cheng öfters in Stuttgart ermittelt, doch in diesem Roman in Wien. 🙂

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