Wie der Sommer schmeckt.


„Die hellen Klaräpfel kamen zuerst, sie schmeckten nach Zitrone, und wenn sie erst einmal angebissen waren, konnten sie gar nicht so schnell gegessen werden, wie sie innen schon wieder braun wurden. Die wurden nicht verkocht, ihr Aroma verflog wie der Augustwind, unter dem sie gereift waren. Dann kamen langsam die Cox-Orange-Bäume (…) Anna liebte Boskop, Bertha Cox Orange. Im Herbst duftete das Haar der Schwester nach Äpfeln, ihre Kleider und Hände sowieso.“ S. 65.

Ein Roman, der nach Äpfeln schmeckt, mitsamt Kernen, und nach Sommer.

Diese Äpfel sind Breaburn.


Iris, die Erzählerin und Hauptfigur der Geschichte ist 28 Jahre alt, Bibliothekarin und erbt das Haus ihrer Oma Bertha im Dorf, wo sie die Sommer ihrer Kindheit verbracht hat. Sie kommt nach 13 Jahren Abwesenheit in das Dorf zurück und bleibt eine Woche nach der Beerdigung allein hier: niemand außer ihr will das Idyll erleben, das der Ort, Weiseland der Norddeutschen Tiefebene, bietet. Denn es ist hier nur solange ein sommerliches Idyll, bis man die Geheimnisse der Familie nicht kennt.

Auch Iris scheint diese Geheimnisse vergessen zu wollen, und verhält sich zurückhaltend, doch der Charme des Dorflebens nimmt sie für sich allmählich ein. Sie erinnert sich noch, wie ihre Mutter und ihre Tanten Johannisbeerengelee und Apfelmuss gekocht und Gurken eingelegt haben. Rosen, Weiden, Apfelbäumen und ein See, in dessen kaltem Wasser sie baden kann, machen den Ort schön und liebevoll. Iris trifft sich im Dorf einen jungen Mann, der der junge Bruder ihrer alten Freundin ist, von der sie seit dem Unfall nicht gehört hat.

Iris ist von Anfang an bewusst, dass das Idyll hier vor 13 Jahren von einem Unfall zerstört worden ist. Wie es dazu gekommen ist, bleibt ihr aber nicht klar im Gedächtnis, stattdessen nur eine verwischte Erinnerung: wie ein Traum. Sie denkt lieber an die Frauen, die spirituelle Kräfte besitzen als aktiver Teil des Ökosystems: Großmutter, Tanten, ihre Töchter. Die Geschichte spielt also in einem Ökosystem, das auch eine unbewusste, spirituelle Ebene hat.

Der Roman verspricht eine sommerliche Lektüre, die einen Hang hat idyllisch zu werden, diese Stimmung wird aber von den Geheimnissen, die nach und nach enthüllt werden, gefährdet. Bis zum Ende bleibt die Frage aufregend, ob Iris das Haus ihrer Großmutter mit schönen und bitteren Erinnerungen behalten oder das Vergessen wählen soll. Die Stimmung des Romans ist sommerlich, Katharina Hagena beschreibt das Dorf wie ein Naturwunder. Sie schenkt Aufmerksamkeit jeder kleinen Schönheit, die die Natur bietet.

Katherina Hagena: Der Geschmack von Apfelkernen. KiWi, 2010

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. piri sagt:

    Ich fand das Buch damals sehr nett, mehr aber auch nicht. Leicht zu lesen und dann an die Seite zu legen. Zum Nachdenken wenig!

    Gefällt 2 Personen

    1. Veronika sagt:

      Mir war das Leseerlebnis anders. Mir waren die Naturbeschreibungen sehr prägend, mir blieb die Erinnerung an die Stimmung sehr lange (ungefähr 10 Jahre nach dem ersten Lesen) im Gedächtnis und beim zweiten Lesen fand ich diese Stimmung noch immer idyllisch. Woran ich mich aber nicht erinnerte, und beim zweiten Lesen wieder überrascht wahrnahm, waren die dunklen
      Geheimnisse hinter dem Unfall. Ich konnte diese wieder kaum glauben.

      Gefällt 1 Person

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