Das waren meine Sommerlektüre im Juli 2021

Ich hatte Urlaub, war viel unterwegs. Jetzt berichte ich über ein paar Sommerlektüre, die keine Neuerscheinungen, sondern mit meinen früheren Lektüren verbunden sind.

Katherine Mansfield: Erzählungen

Als ich „Frühling“ von Ali Smith gelesen habe, hat mich die Begeisterung der Protagonistin, Drehbuchautorin Paddy, für Katherine Mansfield gepackt. Die Schriftstellerin hat am Anfang des 20. Jahrhunderts kurze Geschichten veröffentlicht, und ein ereignisvolles, vielleicht auch abenteuerliches Leben geführt. Sie ist frei gelebt und hat frei gedacht, heißt es. Sie stammt aus Neuseeland und ist in London in die Schule gegangen, ist mit D. H. Lawrence und Virginia Woolf befreundet gewesen und sehr früh an Tuberkulose gestorben. Ihr erstes Erzählband enthaltet kurze Geschichten, die in Deutschland spielen. Diese sind humorvoll und berichten über ihre Erlebnisse und Beobachtungen. In den zwei anderen Bänden, die zu ihren Lebzeiten erschienen sind, entfaltet sie ihre Technik der stimmungsvollen, nuancierten Erzählung weiter. Sie berichtet über alltägliche Sorgen und Wunder, über ungesagten Gefühle und Gedanken hinter den Taten und Worten, über Landschaften und Gärten mit Blumen und Bäumen, über Gewohnheiten aber auch über Momente, in denen keine gewöhnlichen Verhaltensformen gelten, über Lebensfreude und Gelassenheit und über die körperlichen Freuden einer Frau oder Empfindungen einer Katze.

„Licht schimmerte in den Fenstern des Bangalos. Zwei goldene Vierecke fielen auf die Federnelken und die geschlossenen Ringelblumen. Florrie, die Katze, kam hinaus auf die Veranda und setzte sich auf die oberste Stufe, die weißen Pfoten dicht zusammen, den Schwanz drumherumgelegt. Sie sah zufrieden aus, als hätte sie den ganzen Tag auf diesen Augenblick gewartet.

»Gott sei Dank, es wird Nacht«, sagte Florrie. »Got sei Dank, der lange Tag ist vorbei.« Ihre Augen, grün wie Reineclauden, öffneten sich“ An der Bucht, S. 413 (1921)

Katherine Mansfield: Sämtliche Werke. Aus dem Englischen von Heiko Arntz, Ute Haffmans & Sabine Lohmann, Haffmans Verlag 2009

Frédéric Beigbeder: Oona & Salinger

Michel Houellebecq (Ein bisschen schlechter) erwähnt öfters seinen guten Freund, Frédéric Beigbeder, den er auch als sympathischen Freidenker und freizügige Romanfigur erscheinen lässt. Es stellte sich heraus, dass dieser Schriftsteller einen Roman schrieb über Salinger, einen meiner Lieblingsautoren.

Truman Capote und Salinger treffen sich als sehr junge Leute, kurz bevor ihre Kurzgeschichten zum ersten Mal veröffentlicht werden. Der junge Salinger lernt dabei ein wunderschönes Mädchen, Tochter des amerikanischen Dramatikers O’Neill, in die sich auch Orson Welles verliebt hat, in einer Bar kennen. Sie führen eine kurze Beziehung, bevor Salinger in den Krieg zieht als Offizier der Spionageabwehr und Oona O’Neill den viel älteren Charlie Chaplin heiratet.

Stellt euch mal diese Szene vor. Malt euch diese Begegnungen aus. Denkt ihr auch darüber nach, warum Oona statt Orson Welles und Salinger in Chaplin verliebt hat? Das tut hier Beigbeder. Mit „Oona & Salinger“ fordert er unsere Vorstellungskraft heraus. Der Roman spielt während des 2. Weltkrieges in den USA und im Frankreich. Beigbeder spielt die attraktiven narrativen Möglichkeiten freizügig aus. Er arbeitet manchmal dokumentarisch und gibt viele interessanten biographischen Daten preis, manchmal amüsiert mit offensichtlich fiktiven Elementen. Zum Beispiel in der Szene, als der 25 Jahre junge Salinger, großer Verehrer von Fitzgerald und Hemingway, und der 45 jährige Schriftstellerhero Hemingway sich 1944 in Paris treffen.

„Als Jerry Salinger sich mit einem Hingenuschelten »My name is Salinger, Jerome Salinger« vorstellt, spricht Hemingway ihm zu seiner großen Verblüffung wie einem alten Kollegen seine Anerkennung aus und lädt ihn an seinen Tisch in jener Bar ein, die später einmal seinen Namen tragen wird.“ S. 215

Die ganze Idee dieses Romans gefällt mir sehr gut. Selbst die Tatsache, dass sein Protagonist Salinger ist, außerdem die Kriegsbeschreibungen und die selbstreflektiven Episoden kann ich sehr schätzen, allerdings die Dialogen und die Liebesgeschichte schmecken für mich sehr nach Papier. Die Figuren überzeugen mich nicht, der Humor, siehe Zitat, ist nicht ganz meins. Trotzdem ein lesenswertes Buch.

Frédéric Beigbeder: Oona &Salinger. aus dem Französischen von Tobias Scheffel, Piper 2015 [2014]

Paul Auster: The New York Trilogy

Nachdem ich bei der amerikanischen Literatur gelandet war, versuchte ich einen geliebten Klassiker in Originalsprache zu lesen. Die New York Trilogie handelt von der Literatur, und weist auf ältere amerikanische Werke hin: z. B. von Hawthorne, Melville und Walt Whitman.

Mysteriös und finster sind die Geschichten in Der New York Trilogie, wie ein alter pfiffiger Kriminalfilm. Sie spielen in dieser literarisch und cinematographisch vielfach signierten, tödlich verfremdeten Stadt, in der ein Mensch von einem Tag auf den anderen aus seinem nichtssagenden Leben, wie aus seiner Wohnung, hinausspazieren kann, um davon ab unbemerkt in der Bar gegenüber festzusitzen oder in der gleichen Straße in einer anderen Wohnung ein anderes Leben anzufangen. Mit einer Maske auf seinem Gesicht. Sogar ohne Maske. Diese fiktionale zugleich reale New York ist ein Labyrinth, wo Menschen herumirren, verschwinden, zwischen Identitäten wechseln. Hier nach einem Menschen zu suchen und ihn zu beobachten ist, und das tun Privatdetektive in Krimis, wie sich selbst hinterzufragen. Doch in New York kommt manchmal auch vor, dass einsame Menschen unerwartet auf einander treffen und Gespräche führen, wie alte Freunde. Gespräche über Walt Whitman oder Hawthorne. In der New York Trilogie geht es auch um Schreiben und Schriftstellersein.


„Writing is a solitary business. It takes over your life. In some sense, a writer has no life his own. Even when he’s there, he’s not really there.“ S. 178. Ghosts

„»But there’s no question,« he went on, »no question, that the man could write. I read the book more than two weeks ago, and ist’s been with me ever since. I can’t get it out of may head. It keeps coming back to me, and always az the strangest moments. Stepping out of the shower, walking down the street, crawling into bed at night – whenewer I’m not consciously thinking about anything. (…)«“ S. 232. The Locked Room

Paul Auster: The New York Trilogy. Faber and Faber, 1987 [1985]

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