Ingeborg Bachmann: Die Zeitgenössin

„Was auch geschieht: die verheerte Welt
sinkt in die Dämmerung zurück,
einen Schlaftrunk halten ihr die Wälder bereit,
und vom Turm, den der Wächter verließ,
blicken ruhig und stet die Augen der Eule herab.

Was auch geschieht: du weißt deine Zeit,
mein Vogel, nimmst deinen Schleier
und fliegst durch den Nebel zu mir.

Wir äugen im Dunstkreis, den das Gelichter bewohnt.
Du folgst meinem Wink, stößt hinaus
und wirbelst Gefieder und Fell –

Mit eisgrauer Schultergenoß, meine Waffe,
mit jener Feder besteckt, meiner einzigen Waffe!
Mein einziger Schmuck: Schleier und Feder von dir.“


Ausschnitt aus dem Gedicht „Mein Vogel“

Ingeborg Bachmanns Gedichte scheinen verschlüsselt zu sein, als ob sie aus Zauberworten bestehen würden.

Zunächst spüre ich ihren Rhythmus und ihre Melodie, dann entfaltet sich vor mir eine komplexe Metaphorik, aber ich verstehe noch lange nicht, wovon die Gedichte handeln. Denn die Perspektiven wechseln sich, vom Mikro- zum Makrokosmos, vom Naturellen zum Übernaturellen, vom Menschen zum Tier und zurück.

Interessant, auch Tiere erhalten in dieser Lyrik gerne symbolische Rollen. Und kaum Menschen erscheinen mit Gestalt verkörpert. Es geht viel mehr um „wir“ Lebendige und es geht um Poesie und den Willen durch Poesie die persönlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen zu bestehen.

Ingeborg Bachmann: Die gestundete Zeit – Anrufung des Grossen Bären, Piper 1974

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