Tyll tanzt

Episoden aus dem Dreißigjährigen Krieg.

Durch das ganze Buch bedecken die Figuren ihre Nasen mit Tüchern, weil der Geruch der Leichen unerträglich ist, es wird wild hingerichtet, gefoltert, getötet. Fast könnte man sagen, es wird mit den Köpfen von Säuglingen geballt. Und immer wieder erscheint die Hauptfigur des Buches Tyll Ulenspiegel, der mythische Gaukler, der tanzt und jongliert, die Leute vergnügt und provoziert. Wie aus einem Menschen zu dieser Legende, aus einem Müllerssohn ein berühmter Straßenkünstler, Überlebenskünstler im Schlacht und Narr von den Herrschern der Zeit wird, ist eine aufwühlende Erzählung im Buch.

Der dicke Graf Martin von Wolkenstein, der fiktive Nachkomme des Dichters Oswald von Wolkenstein, der verkörperte Vornehmheit, ist der Hauptfigur einer satirischen Episode, die mir im ganzen Buch am besten gefallen hat. Komik und Tragik verflechten sich in einer höchst literarischen, gehobenen und verblümten Textur, denn der Erzähler widergibt das Memoire des Grafs.

„Der Krieg war älter als er. Er war manchmal gewachsen und manchmal geschrumpft, er war hierhin und dorthin gekrochen, hatte den Norden verwüstet, sich nach Westen gewendet, hatte einen Arm nach Osten und einen in den Süden ausgestreckt, dann sein volles Gewicht in den Süden gewälzt, nur um sich sodann wieder für eine weile im Norden niederzulassen.“ S. 193.

Gegen das Ende des Buches zitiert der weise Graf Wolkenstein Paul Fleming:

„Vergnüge dich an dir und acht‘ es für kein Leid, hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.“ (aus dem Jahr 1636) S. 446.

Der Winterkönig Friedrich und die Winterkönigin Liz quatschen und streiten, wie die Ehepaare egal in welchem Zeitalter. Ihre gemeinsame Episode ist eine Groteske.

Die zwei Könige Friedrich und Gustav Adolf sind lächerliche Figuren, die den Krieg am Wenigsten verstehen.

Die Gelehrten der Zeit: Der Jesuit Athanasius Kircher, die Schriftsteller Adam Olearius und Paul Fleming fahren in einer Kutsche und führen ein komisches Gespräch – alle in ihren eigenen Blasen von Thesen und Interessen eingeschlossen.

Liz hat allerdings auch ihren eigenen Erzählstrang. Sie mag das Theater, sie erlebt Shakespeare lebhaft, und schätzt seine Stücke hoch, denn diese begreifen eben die Konflikte der Zeit und des menschlichen Lebens. Liz erscheint im Buch in verschiedenen Lebensaltern, aber sie bleibt immer mädchenhaft und so auch liebevoll, obwohl die dumme Entscheidung, die zum sinnlosen Krieg geführt hat, auch ihr Schuld ist. Eigentlich auch Nele, die andere weibliche Hauptfigur wächst einem ans Herz beim Lesen, und ihre Geschichte wird mit einem Happy End begnadet.

Es erscheinen zwar historische Personen im Roman, doch ihre Handlungen und Worte sind natürlich erfunden. Die Szenen entfalten sich meist aus Dialogen und Gesprächen. Statt Erklärungen über die Situation und Beschreibungen der Kulissen werden die Empfindungen der Figuren dargestellt. Ein episches Meisterwerk, das historischen und fantasievollen postmondernen Roman, Groteske, Satire und Legende vereinigt.

Daniel Kehlmann: Tyll, Rowohlt, 2017

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