Bei Nacht

am

Der Schriftstellerin wurde das Angebot gemacht, in der Punte della Dogana zu schlafen, dem legendären venezianischen Baudenkmal. Ich verstehe diejenigen, die bei solchem Angebot aufseufzen würden: „Ah, das ist traumhaft!“ Was für ein Abenteuer wäre das auch für mich. So konnte ich dem Gedankengang der Autorin am Anfang kaum folgen, emotionell war ihre Ambivalenz für mich ungreifbar: sie nahm das Angebot trotz ihres verhältnismäßigen Desinteresses am Museum und an der Kunst an und flog aus Paris nach Venedig.

„Das Museum bleibt für mich ein Ausdruck westlicher Kultur, ein elitäre Raum, dessen Codes ich noch immer nicht erfasst habe.“ S 56.

Ich wollte dieses Wunder durch die Lektüre in vollen Zügen miterleben, eine Ausstellung in diesem Museum nur für mich allein zu haben, und wurde nicht enttäuscht. Doch das Buch handelt darüber hinaus und viel mehr von der Literatur; nämlich ob die Prämisse der Autorin wirklich stimmen würde, durch Schreiben eingeschlossen und doch frei zu sein. Eine Performance. Wie auch die Ausstellung performativ ist, die im Museum bei ihrem nächtlichen Besuch stattfindet und die sie in der Nacht immer wieder aufweckt, anspricht, auffordert, auch wenn sie sich für die Herausforderung nicht geeignet findet. Die Werke der Ausstellung repräsentieren die ganze Welt und das passt sehr schön damit zusammen, dass Leïla Slimani, um ihren Gedankengang unterzumauern, verschiedene literarische Werke aus aller Welt anführt.

Es ist ein philosophisches und persönliches Buch über Schreiben als Freiheit und Einsperrung. Wer schreibt, möchte ihrem Bekenntnis nach das Wesentliche einsperren, doch das scheint unmöglich zu sein, wie zum Beispiel den Wind mit Händen zu fassen:

„Indem ihre Arbeit fortschreitet, wird eine Welt erschaffen, doch das Wesentliche bleibt unerreichbar, als würde man beim Schreiben jedes Mal zugleich auf das verzichten, was man schreiben wollte.“ S. 68.

Als Leïla Slimani über ihre marokkanischen Wurzeln schreibt, als sie über die Blüten des Nachtjasmins (arabischer Moschus) erzählt, die sich bei der Nacht öffnen und ihre Düfte ausströmen, erreicht mir die Lektüre ihren Höhepunkt. Aus ihrer Perspektive erhält der nächtliche Besuch mystische Anklänge. Hier beginnt die Essenz der Lektüre wirken.

„Die marokkanische Kultur misst dem Schicksal, dem Glück, den Zufällen, die man demütig annehmen muss, große Bedeutung bei. (…) In dieser Art, sein Los anzunehmen, sei es nun gut oder schlecht, liegt auch eine große Würde und Weitsicht“ (…) Die Würde des Gläubigen liegt in seiner Fähigkeit begründet anzunehmen, dass nichts Bestand hat, dass alles vergeht.“ S. 100.

Leïla Slimani: Der Duft der Blumen bei Nacht. Aus dem Französischen von Amelie Thoma, Luchterhand 2022 (2021)

Herzlichen Dank an den Luchterhand Verlag für das Rezensionsexemplar.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Xeniana sagt:

    Hatte es gestern schon in der Hand gehabt. Jetzt bin ich wirklich neugierig geworden.

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    1. Veronika sagt:

      🙂 Ein schönes, gutes Buch.

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