Unterwegs im Iran

Eine Suche nach der Bedeutung persischer Wörter. Mona, die Erzählerin von „Sechzehn Wörter”, ist eine in Köln aufgewachsene Iranerin. Die Jetztzeit des Buches erzählt ihre Reise im Iran, wohin sie mit ihrer Mutter zur Beerdigung ihrer Maman-Bozorg fliegt. Im Iran ist sie aber nicht zum ersten Mal, sie hat hier früher als Journalistin gearbeitet.

Wie hart einige Beobachtungen und Geschichten in diesem Buch auch erscheinen, sind sie doch liebevoll und mit Sinn für Humor erzählt, zudem immer im Kontext des Respekts für Mentalität, Traditionen und Gebräuche. Die Geschichten werden durch persische Wörter verbunden.

Sommerabend mit einem tollen Buch

Mona geht nach der Beerdigung mit ihrer Mutter und ihrem ehemaligen Freund Ramin auf eine Reise im Iran. Kurz tauchen Landschaften, Menschen auf, vor allem Gedankenwelten und Gefühle werden spürbar. Unterwegs erinnert sich die Erzählerin an Episoden aus dem Familienleben, an ihre Maman-Bozorg, an ihren Vater und an ihre Kindheit.

Mich hat die Lektüre von dem ersten Satz an sehr eingenommen. Mir erschloss sich ein Eindruck von dem heutigen Iran – deutlich und nachvollziehbar. Natürlich ist für mich die Perspektive einer Person sehr nah, die in zwei Heimaten zugleich zu Hause und doch teilweise Außenseiter ist.

„Am liebsten wäre ich ewig weitergefahren. Weiter Richtung Westen, am Flughafen vorbei, durch die Kurdengebiete Irans, durch die Kurdengebiete Iraks, durch Syrien, und bevor wir ins Mittelmeer geplumpst wären, mit nichts als Eisbonbons im Bauch, hätten wir vielleicht die Erkenntnis unseres Lebens gewonnen. Der Wunsch, nicht anzukommen, war mir später nie wieder so dringlich gewesen.“ S. 121-122.

Mir gefällt zum Beispiel die Zugfahrt, während eine junge Frau, Mahnush mit feiner Ironie schildert, warum heutzutage schwierig ist, einen Khastegar zu haben. Einen wichtigen Faden bildet doch die Unmöglichkeit einer den Erwartungen entsprechenden Liebesbeziehung, sowohl in Iran und in Deutschland. Schon Monas Eltern und Großeltern tragen schwierige Geheimnisse. Mona sucht selbstverständlich ihren Weg auch in der Liebe unterwegs zwischen den zwei Ländern.

Mir gefällt diese scheinbare Leichtigkeit des Unterwegsseins und Nicht-Angekommenseins. Die sechzehn Wörter ergeben sechzehn Episoden, die doch nicht herkömmliche Übersetzungen sind. Die Bedeutung der Wörter bleibt in vielen Fällen nur annähernd fassbar, bloß angedeutet. Vieles bleibt lieber nicht-ausgesagt, ja unsagbar. Und einiges geträumt oder imaginiert.

„Mit jedem Tag, den ich länger im Iran verbrachte, verschwamm die Grenze zwischen Wahrheit und Dorugh immer mehr.“ S. 280.

Nava Ebrahimi: Sechzehn Wörter, btb, Sonderausgabe 2022 August

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

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