Reise im Totenreich

Das Geheimnis von “Lincoln im Bardo” liegt einerseits in der visionären Darstellungform, andererseits im sprachlichen und literarischen Einfallsreichtum.

Die Geschichte spielt, ähnlich wie in der “Göttlichen Komödie” von Dante, im Reich der Toten. Erzählerstimmen berichten über Bardo – die Zwischenwelt, wo sie sich gerade befinden (“Krankenkiste”), von dem Dasein noch nicht ganz befreit, das Jenseits noch nicht erreicht. Hauptsächlich kommen zwei groteske Figuren (roger bevins iii und hans vollman) zum Wort. Ihre Lebensgeschichten besitzen erhabenen Glanz, deshalb berühren ihre Tode tragische Höhen, doch ihre Dialoge sorgen für Heiterkeit. Sie sind sich nicht bewusst, was auf dem Spiel steht, ähnlich wie Rosenkranz und Güldenstern bei Tom Stoppard. Es gibt außer ihnen noch viel mehr Stimmen. Sie irren dort, im Friedhof in Amerika des 19. Jahrhunderts während des Bürgerkrieges herum, schildern die Lage der Frauen, der People of Colour, der Menschen mit anderer sexueller Orientierung und überhaupt der verschiedenen gesellschaftlichen Milieus durch ihre Lebensgeschichten. Diese scheinen im Bardo noch eine Rolle zu spielen. 

Die Geisterstimmen werden durch verschiedene Sprechweisen ausgedrückt. Saunders baut außerdem in den Roman Zitate, kurze Abschnitte von historischen Quellen ein: in der Echtzeit der Ära noch lebendige Erzählerstimmen. Er leiht dadurch der Erzählung eine dokumentarische Natur und setzt diese der visionären Darbietung entgegen.

“Lincoln im Bardo” ist grausam schmerzhaft. Eine Qual: Lincolns Gefühle mit zu empfinden. Ein Horror: die Verwesung des Körpers wahrzunehmen.

Doch ist es auch viel mehr: Drama, Humor, Satire. Die Story schiebt ein Ereignis ins Zentrum: Lincolns Trauer um seinen verstorbenen Sohn und die davon resultierenden Besuche in der Krypta. Diese schockieren Lebendige und Tote. Die Emotionen kommen im Buch dramatisch und poetisch daher.

“Die belebende Wirkung, die dieser Besuch auf unsere Gemeinschaft hatte, lässt sich schwerlich überwerten.

hans vollman

(…)

Männer wuselten unter dem hochstehenden Februarmond umher, machten einander Komplimente für ihre Anzüge, spielten mit vertrauten Gesten: Staub aufwirbeln, Steine werfen, Boxhiebe antäuschen. Frauen hielten Händchen, den Blick leicht gehoben, nannten einander meine Hübsche, meine Liebe, blieben unter Bäumen stehen, um seltsame Vertraulichkeiten auszutauschen, die sie in den langen Jahren der Abgeschiedenheit zurückgehalten hatten. 

reverend everly thomas

(…)

Das Halten, das Verweilen, die lieben Worte, direkt in sein Ohr geflüstert? O Gott! O Gott!

reverend everly thomas

So liebevoll berührt zu werden, so zärtlich, fast als wäre man noch –

roger bevins iii

Gesund.

hans vollman

Als wäre man die Zuneigung und den Respekt noch wert? Es war aufmunternd. Es gab uns Hoffnung.

reverend everly thomas

Vielleicht waren wir doch liebenswerter, als wir mittlerweile glaubten.

roger bevins iii”

Seite 85-90

Diese fantasievolle und geistreiche literarische Darstellung blendet die Lesenden durch die spielerische, schöne und abwechslungsreiche Sprache.


George Saunders: Lincoln im Bardo, Luchterhand. Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert, 2018

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