Brief an die Menschen

“Genau da kam ein gans junger Mänsch im Strammpel Alter vorbeigestrammpelt, si lechelte und dachte vleich, wir wären Hunde. Und in irer Hand fil uns was auf: Fressen! Schaute gut aus und roch super. Ein Brötschen! Und gans plözzlich wollten wir gern ein fären Dil mit ir abschlisen, demzufolge wir was von irem Brötschen abhaben konnten, indem wir es namen.”

Ein ganz kleines Buch, eigentlich ein Brief an die Menschen, aus der visionären Perspektive eines Fuchses geschrieben. Wie auch beim Roman “Lincoln im Bardo” wird die besondere Erzählperspektive nicht nur durch die Beschreibung der Lebensbedingungen und Darstellung der Eigenschaften der Figur (diesmal ein Fuchs) bestimmt, sondern auch durch die Sprache.

Fuchs 8: Der Mensch zerstört seinen natürlichen Lebensraum

Fuchs 8 erzählt, dass der natürliche Lebensraum seines Volks zerstört wird: Es gibt nichts mehr zum Essen, zum Trinken und das Ökosystem, das bisher seine Heimat war, ist bedroht. Er ist ein Fuchs, der menschlich gelernt hat, somit fähig ist, den Menschen die Geschichte so zu präsentieren, dass sie bereit sind es zu lesen.

Denn Fuchs 8 bewundert das Geschichtenerzählen und die Sprache. Seine Sprachweise ist witzig und seine Weltanschauung kindisch berührend. Er verwendet eine ganz offensichtlich aktuelle und höchst einfache, niedliche Umgangssprache.

„Fuchs 8“ setzt die Tradition der Fuchs-Fabeln fort, die Roald Dahl mit „Dem fantastischen Mr. Fox“ (1970) so schön gepflegt hat. Die Verfilmung dieses Romans von Wes Anderson (2009) finde ich unvergesslich. George Saunders scheint die Sprache zu pointieren.

Die das Reden imitierende Schrift erscheint authentisch, schafft Atmosphäre und ist die reinste Quelle des Humors. Die Rhythmik und die Schlichtheit der mündlichen Äußerung kommt besonders bei der spannenden Szene zur Geltung, wo die Füchse über den Parkplatz des Supermarkets laufen.

“Fast hat oich ein Auto erwischt! Schnell ein Panik-Jauler. Stopp. Und fluks flutsch unter ein andres Auto. Dann wider los, macht schon. Get nich, Mist! Zu vil Anks!”

Fuchs 8 mit Hortensien nach dem Regen

“Fuchs 8” ist doch auch ein tragisches Buch, zudem hat es eine wichtige Botschaft. In der Geschichte wird die Menschlichkeit in Frage gestellt. Das Buch hält einen Spiegel dem Menschen vor. Nicht einfach dem menschlichen Verhalten gegenüber Füchse oder der Natur. Auch mit dem Tagträumer, dem naiven Fuchs 8 kann man sich leicht identifizieren. 

Das Büchlein ist wunderschön von Chelsea Cardinal illustriert.

Vor dem Lesen habe ich die Lektüre als Hörbuch genossen. Stefan Kaminski gibt Fichs 8 eine authentische Stimme, und die mündliche Ausdrucksweise des Fuchses kommt durch das Audioformat zur Geltung.

George Saunders: Fuchs 8. Aus dem Amerikanischen Englisch von Frank Heibert, Luchterhand 2019 Hörbuch: Schall & Wahn 2021 Gelesen von Stefan Kaminski

Herzlichen Dank an den Luchterhand Literaturverlag für das Rezensionsexemplar.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. piri sagt:

    Ein wunderschönes Buch – ich habe es auch und musste manchmal lachen, aber ich bin nachdenklich zurück geblieben.

    Gefällt 2 Personen

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