Schneeweiße Blüten

Während ich den Kurzgeschichtenband von Cho Nam-Joo gelesen habe, fiel mir öfters der Titel: “Erste Person Singular” von Murakamis Erzählband ein. Das könnte ein Genre sein: Kurzgeschichten aus der Ich-Perspektive erzählt, indem die Erzählperson den Lesenden so familiär ist, so nah auf sie zukommt, dass ihre Existenz  ihnen authentisch, ihre Geschichte glaubwürdig vorkommt. Doch die Erzählungen sind fiktiv und keine Reportagen.

Cho Nam-Joo’s Kurzgeschichten sind sehr realistisch und spielen in alltäglichen Milieus, sodass die Figuren ebenso gut du wie ich sogar die Autorin sein könnten. (In all den Geschichten kommen Personen namens Kim vor. Kim soll ein häufiger Name in Südkorea sein.) In einer der Geschichten scheint die Erzählerin ganz stark mit der Autorin identisch zu sein.

Angenehm merkwürdig ist, dass die Erzählerstimmen immer eine sehr verständnisvolle, zarte Beziehung zu den Figuren haben. Die eigene Position, die Positionen der Figuren und diejenigen der Erzählenden überblenden sich leicht in meinem Kopf beim Lesen.

Die gesellschaftliche Aussage ist friedlich und mild: Es geht darum, einander zu unterstützen und nicht um gegeneinander zu kämpfen. Diese Haltung ist doch keinesfalls ausweichend. Das Buch gibt seine Stimme für Freiheit und Gleichstellung der Geschlechter ab, wie das erste Buch der koreanischen Autorin, der Weltbestseller “Kim Jiyoung, geboren 1982”.

Zeitgenössische koreanische Literatur und Jasmintee

Die respektvolle Aufmerksamkeit verdienen sowohl junge als auch alte Frauen, Tochter, Mütter und Omas, doch auch diejenigen, die ganz bewusst keine traditionelle Frauenrolle einnehmen möchten, die keine Kinder wollen. Ich fühle mich als Lesende angesprochen, die ihr Leben selbstständig und ohne die Kontrolle einer anderen Person (anderer Personen) frei, aber nicht einsam führen möchte. “Miss Kim weiß Bescheid” scheint mir ein Buch zu sein, das die Möglichkeiten dieses Wunsches kartografiert.

Es ist aber kein politisches Buch, viel mehr ist es lyrisch. Cho Nam-Joo beschreibt Naturerscheinungen aus der besonderen Perspektive ihrer Figuren plastisch, detailhaft und doch voller persönlicher Einfühlung, Imagination und Symbolik, sodass sie übernatürlich erscheinen. Die schönsten Szenen, die mir sehr stark in Erinnerung bleiben werden, sind die fallenden Blüten eines Pflaumenbaums, die Schneeflocken ähneln und die Polarlichter in Kanada. Kleine Ausschnitte zitiere ich kurz herbei:

“Im Frühling würden sich die Knospen in Blüten verwandeln. Schneeweiße Blüten würden den alten Baum bedecken und die vertrocknete, rissige Baumrinde verdecken, sodass sie nicht mehr zu sehen sein würde. Eine überwältigende Blütenlandschaft breitete sich vor meinem inneren Auge aus und mir war, als drängte mir der Duft von Pflaumenblüten in die Nase. Bei Wind würden die schneeweißen Blüten wie Schmetterlinge durch die Luft flattern. Schließlich würden sie alle auf einmal zu Boden fallen und wie dicke Schneeflocken herumwirbeln.” S. 41

“An dem sternübersäten schwarzen Himmel zogen zwei ungleichmäßig ineinander übergreifende blaue und gelbe Streifen wie Rauch hinweg. Dann verzweigten sie sich, wurden breiter und fingen an zu schlingern. (…) Wie eine Fahne aus Licht, oder als würde langsam das Fenster zum Weltall geöffnet. Das Licht war etwas Lebendiges, ein intelligentes Wesen, das sich planvoll und eigenständig bewegte.” S. 228

Cho Nam-Joo: Miss Kim weiß Bescheid. Storys. Aus dem Koreanischen von Inwon Park, Kiepenheuer & Witsch 2022

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

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