Eine literarische Freundschaft

„Sie setzte sich in Höschen und BH auf den Rand des Bettes. Neben ihr lag das Brautkleid wie der Körper einer Toten. Davor, auf dem Fußboden mit Sechseckmuster, stand die mit dampfendem Wasser gefüllte Kupferwanne. Plötzlich fragte Lila: „Meinst du, ich mache einen Fehler?“ „Womit“ „Mit der Heirat.“ „Denkst du noch an die Geschichte mit…

Wald und Mensch

Das Märchen von dem israelischen Schriftsteller, Amos Oz, spielt in einem Dorf, wo es keine Tiere gibt. Die Kinder haben noch kein einziges Tier in ihrem Leben gesehen, und die Erwachsenen wollen sich nicht daran erinnern, wie es früher gewesen und was dann geschehen ist. Die Menschen trauen sich nicht in den Wald zu gehen,…

Die Felshütte meines Vaters

„Acht Berge“ spielt in den Bergen Nord-Italiens, in den Wäldern, wo im Wildbach Forellen aufblitzen und die Bergbewohner Kühe hüten. Es ist schwierig hier die Alm zu behalten, weil der Wald sein Territorium allmählich zurückzuerobern versucht. Es spielt weiter höher im Hochgebirge, wo nur vereinzelte Lärche an den Felsen stehen und kleine kristallklare Bergseen und…

Die Anatomie der Wahrnehmung

Eine junge Frau nimmt ihre Gefühle unter die Lupe. Während ihre kleine Tochter im Garten spielt, befindet sich die junge Mutter in einer Zwickmühle: sie wünscht sich zwar noch ein Kind zu bekommen, aber sie hat noch immer Angst vor der Mutterschaft, vor ihrer möglichen Unfähigkeit für vollkommene Hingabe an die Anderen, oder im Gegenteil:…

Die himmlische und die irdische Liebe

Könnten die himmlische und die irdische Liebe von einander gelöst werden? Könnte die Seele lieben, ohne den Körper, und umgekehrt, der Körper ohne die Seele? „Herr Rudi“ fängt mit einer grotesken Szene an. Herr Rudi, gerade pensioniert, kniet nackt in einem Hotelzimmer. Sein Körper ist mit Badewannenschaum bedeckt, ein Hexenschuss duldet ihm keine Bewegung mehr….

Charlotte Salomon

Foenkinos setzt mit seinem Roman der deutsch-jüdischen Malerin Charlotte Salomon ein schönes Denkmal. Ihre Lebensgeschichte ist selbst so tragisch, dass die Arbeit dem Schriftsteller, wie er in den selbstreferenziellen Episoden berichtet, unheimlich viel Zeit und Bürde in Anspruch nimmt. Deshalb schreibt er den Roman Zeile für Zeile, Satz für Satz, als ob man beim Gehen…

Zauber

„Ich war früher bereits verliebt gewesen, hatte es zumindest geglaubt, doch erlebte ich nun zum ersten Mal sämtliche Klischees der amour fou – Gefühle und Empfindungen, die ich stets für absurd gehalten hatte, für Symptome eines selbst herbeigeführten, hysterischen Zustandes, der mehr mit blühender Fantasie als mit den tatsächlichen Reaktionen auf einen Menschen aus Fleisch…

Rausch in der Frühe

Dezső Kosztolányi: Rausch in der Frühe. Aus dem Ungarischen von Wilhelm Droste Erzählen will ich es dir, lass mich nur.Letzte Nacht ließ ich die Arbeit liegen –So um drei Uhr.Ich ging zu Bett. Doch im Kopf weiter getrieben,Nahm es kein Ende, das Gedankenschieben,Wütend wälzte ich mich,Schlaf aber fand ich nicht.Dabei rief ich ihn mit albern…

Verzauberter April

„Man führte nicht die Kleider auf Gesellschaften vor; nein, sie waren es, die einen vorführten. Es war ein großer Irrtum zu glauben, dass eine Frau, eine ausgesprochen gut angezogene Frau, ihre Kleidung abnutzte; vielmehr war es die Kleidung, die eine Frau abnutzte“ S. 70-71. So denkt sich Lady Caroline, eine der vier Frauen aus London,…

Orlando

„Illusionen sind für die Seele, was die Atmosphäre für unsere Erde ist. Man entferne diese zarte Luftschicht, und die Pflanze stirbt, die Farbe verbleicht. Die Erde, auf der wir wandeln, ist verglühte Schlacke.“ S. 178. Kaum sind im Roman solche Lebensweisheiten zu lesen, eben deshalb ist mir dieser Satz von Wichtigkeit. „Orlando“ erzählt zunächst über…