Die Liebe einer Frau

Regnerischer Oktober: beste Zeit für Füße hoch lagern, heißen Tee trinken und Romane von Jane Gardam schmöckern. Das Markenzeichen „Old Filth“ verspricht mal lustig, mal sarkastisch erzählte Geschichten von besonderen Menschen über eine Generation hinweg, mit dramatischen Tiefen und Höhen. „Eine treue Frau“ ist das zweite Buch der Trilogie, erschien nach dem „Ein untadeliger Mann“ und wurde vom „Letze Freunde“ gefolgt. Schön, dass es egal ist, in welcher Reihenfolge sie gelesen werden. Sie ergänzen sich, stellen jeweils eine andere Figur in den Mittelpunkt. Die Schlüsselszenen werden in den drei Romanen aus drei Perspektiven erzählt, immer mit neuen Aspekten und verschiedenen Details.

„Er öffnete beim nächsten Klingeln, und sie standen einander gegenüber. Filth klappte der Unterkiefer aus dem perfekten Gesicht, wie im Cartoon. Veneering fiel ein, dass er sich nicht rasiert hatte. Gestern auch nicht. Feathers rechnete mit Achilles und stand vor einem alten Mann, der sich ein paar gelblich-graue Strähnen über die Glatze gekämmt hatte und von Arthritis gebeugt war. Veneering hatte die Schönheit Agamemnons erwartet und sah ein schlaksiges Skelett, das gerade fünf Faden tief aus fem Meer hätte gezogen worden sein können, aber die Augen waren sicher keine Perlen.“ S. 338-339

„Eine treue Frau“ ist die Geschichte von Betty. Sie wächst in Hong Kong auf, hat eine schreckliche Jugend, sie ist im Krieg in Shanghai in einem japanischen Internierungslager groß geworden. Sie behält allerdings ihre Lebensfreude und Vitalität bei, bleibt eine fröhliche Person, sodass es nachvollziehbar ist, dass beide männlichen Protagonisten, die in der Trilogie so hervorrangend talentiert und leitungsfähig beschrieben werden, in sie fürs ganze Leben verlieben. Ihre Liebe für Betty wird allerdings in den letzten Episoden vom „Eine treue Frau“ in Frage gestellt. Wer hat denn wen geliebt?

An manchen Stellen läßt sich Jane Gardam lesen wie ein Märchen, mit bösen und guten Geistern, aber dann gibt es immer ein Plot Twist, das die Geschichte realitätsnah, schon wirklich authentisch macht. Betty zum Beispiel. Sie wurde geliebt, führte eine glückliche Ehe mit einem erfolgreichen und respektierten Mitglied der höheren englischen Anwaltschaft, allerdings ohne Kinder. Ihre Geschichte ist voller Einsamkeit. „Eine treue Frau“ schildert, wie eine Frau am Ende des Britisch Empires zurecht kommen musste. Jane Gardam’s Figuren sind liebenswürdig und einzigartig, Old Filth, Veneering, Betty, aber auch die Nebenfiguren, wie Amy, die tüchtige Mutter mit unzähligen Kindern, Dulcie und Fiskal-Smith, die mit nicht so aussergewöhnlichen Eigenschaften und Talenten gesegnet aber auch mit dabei sind, Sir, der „Dead Poets Society“-artige Lehrer.

Wenn ich nach dem „Ein untadeliger Mann“ gern mehr über Isobel gelesen hätte, dann war ich nach der Lektüre von „Eine treue Frau“ leicht pikiert darüber, dass Isobel wieder nur flüchtig erscheint, wie ein halbtransparenter Geist am Rand der Geschichte. So eine wunderbar wortkarge, selbstbestimmt handelnde, aus der Zeit gefallene moderne Frauenfigur! Nicht treu, nicht verheiratet, nicht untadelig und keine echte Freundin.

Jane Gardam: Eine treue Frau. Aus dem Englischen von Isabel Bogdan. Hanser Literatur 2016 (2009)

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s